Auf den Punkt : Gedemütigte Sieger

Lorenz Maroldt über Doping und Generalverdacht

Lorenz Maroldt
Lorenz Maroldt
Lorenz Maroldt, Chefredakteur -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinDiese Olympischen Spiele waren wirklich revolutionär. Die alte Ordnung gibt es nicht mehr, die neue Zeit bringt neue Parolen. Dabei sein ist alles? Möge der Bessere gewinnen? Ach, quatsch. Ab jetzt gilt: Nur ein schlechter Sportler ist ein guter Sportler, weil nur der Verlierer sauber ist. Gewinner sind grundsätzlich verdächtig. Keine Siegerehrung gibt es mehr ohne die zwanghafte Anmerkung, dass Doping nicht auszuschließen ist.

Was für eine Perversion! Die Unschuldsvermutung, fester Bestandteil unserer Gesellschaftsordnung, wird einfach umgekehrt. Der Sieger bleibt unter dem demütigenden Generalverdacht bis zum Beweis des nie zu erbringenden Gegenteils.

Es ist dabei egal, wer das Gift des Zweifels zuerst verspritzt hat. Diejenigen, die jetzt einzelne Sieger sportlicher Wettkämpfe ohne jeden Beweis in Gruppenhaft nehmen, sind auch nicht besser als die Pöbler in der Einraumbilligkneipe, die hinter jedem Araber einen Sozialbetrüger sehen und hinter jedem Reichen einen Steuerbetrüger.

Eine naive Sicht? Na und. Wenn Sportfunktionäre und Dopingfahnder nicht in der Lage sind, Beweise zu liefern, dann sollen sie schweigen, und mit ihnen all jene, die auch nur vermuten. Wenn es so offensichtlich ist, dass massenweise gedopt wird, kann es ja nicht so schwer sein, das zu belegen. Was kam in Peking raus? Zehn Dopingfälle bei mehr als 10000 Sportlern. Ein einziger zu Unrecht verdächtigter Sieger ist da schlimmer als alle unentdeckt gedopten Athleten zusammen.

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