Auf den Punkt : Heilige Vielfalt

Malte Lehming über Anti-Islamisten, Antisemiten und Religionsunterricht in Berlin

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinDrei zeitliche Zufälligkeiten ergeben ein überraschend stimmiges Bild. Erstens: An diesem Wochenende findet in Köln ein "Antiislamisierungskongress" statt, veranstaltet von politisch äußerst rechts stehenden Gruppierungen. Zweitens: Am kommenden Montag geht in Berlin das Volksbegehren für das Wahlpflichtfach Religion an staatlichen Schulen in die zweite Runde. Drittens: Vor zwei Tagen wurde in Washington eine breit angelegte Studie des seriösen "Pew Research Centers" über antisemitische und antimuslimische Einstellungen in Europa vorgelegt. Eines der Ergebnisse: Je antisemitischer Menschen sind, desto antimuslimischer sind sie auch. Und: Eigene Religiosität macht tolerant. Bei Amerikanern etwa, der christlichsten aller westlichen Nationen, sind antisemitische und antimuslimische Ressentiments am geringsten ausgeprägt.

Religion macht intolerant: Dieser beliebte Satz ist selbst ein Vorurteil. Es nährt sich durch einen platten historischen Schnelldurchlauf - Hexenverbrennung, Kreuzzüge, Zwangstaufen -, hat aber mit der Aktualität, zumindest in der freien Welt, nichts zu tun. Die größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts, Hitler und Stalin, waren säkulare, antireligiöse Fanatiker. Und es waren oft tief religiöse Menschen, wie Dietrich Bonhoeffer und Alexander Solschenizyn, die den Diktatoren widerstanden. Der Glaube kann nicht nur Berge versetzen, er ist heute offenbar auch eine Quelle der Humanität.

Deshalb wissen die drei großen monotheistischen Glaubensgemeinschaften in Deutschland, dass sie gegen Säkularisierung und Intoleranz zusammenhalten müssen. Vertreter der jüdischen Gemeinschaft sind hoch sensibel, wenn Brandanschläge auf türkische Einrichtungen verübt werden. Für das Recht auf den Bau von Moscheen streiten Bischöfe oft am leidenschaftlichsten. Dass der "Antiislamisierungskongress" ausgerechnet in einer deutschen Großstadt stattfindet, ist erklärlich: Deutschland ist in einem hohen Maße säkularisiert, deren Einwohner stehen auch deshalb an der Spitze derer in Europa, die antimuslimisch (50 Prozent) und antisemitisch (rund ein Viertel) eingestellt sind.

Und was hat das mit dem Religionsunterricht in Berlin zu tun? Ganz einfach: Menschen in ihrem Glauben zu stärken, macht sie frei, sich für den Glauben anderer stark zu machen. Nicht allein die kognitive Kenntnis der Vielfalt der Religionen führt zur Toleranz, sondern vor allem das aufgeklärte, gefühlsmäßige Verstehen des Religiösen an sich. Der Kirchgänger weiß nicht nur, sondern spürt in seinem Innersten: Wer heute Moscheebauten verbieten will, schändet morgen Thorarollen und übermorgen Kanzeln.

0 Kommentare

Neuester Kommentar