Auf den Punkt : Heilsamer Schock

Andrea Dernbach zum Rückgang von Einbürgerungen

Andrea Dernbach
Andrea Dernbach
Andrea Dernbach -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

BerlinEin Schock soll, glaubt man dem Volksmund, manchmal heilsam sein. Der hier dürfte jedenfalls die nötige therapeutische Stärke haben. Allen Integrationsgipfeln, Islamkonferenzen, allen Hochglanzbroschüren zum Trotz, auf denen lächelnde schwarzhaarige Kinder schwarz-rot-goldene Wimpel schwenken: Die Einbürgerungszahlen steigen nicht nur nicht, sie sind geradezu eingebrochen, 2008 um mehr als 15 Prozent. Im vergangenen Jahr dürfte es, so schätzt die "Süddeutsche Zeitung", weniger als 100 000 Neubürger gegeben haben - der niedrigste Stand seit zehn Jahren. Es fällt schwer, keinen Zusammenhang mit den verschärften Bedingungen zu sehen, denen sich Menschen, die Deutsche werden wollen, neuerdings ausgesetzt sehen - am augenfälligsten beim Sprachtest.

Aber es gibt andere Gründe im Alltag, die mindestens genauso schwer wiegen - und für die Gesetze und Verwaltungspraxis womöglich nur Ausdruck sind. Solange Deutsche mit dunklerer Haut noch immer gefragt werden, woher sie kommen, solange begabte Kindern von Migranten noch immer schwerer an eine Gymnasialempfehlung kommen als biodeutsche - wenn Papa Döner brät, kann er der Tochter schließlich nicht in Geschichte helfen, heißt es dann - solange zwar ein Fünftel der deutschen Wohnbevölkerung Migrationshintergrund hat, Tendenz steigend, Migranten aber in Parlamenten, Wissenschaft und - ja auch - Medien unterhalb der Wahrnehmungsschwelle vertreten sind: So lange werden weiterhin zu wenige Migranten Lust haben, den deutschen Pass zu beantragen.

Die deutsche Alltagskultur gilt es zu drehen, die alles, was anders ist, ab- und ausstößt oder doch nicht als zugehörig erkennen kann. Im Deutschen Bundestag sitzen ausreichend viele kluge Menschen, die in einer der buntesten deutschen Metropolen alle Möglichkeiten hätten, alte Ängste abzulegen und sich auf den Straßen Berlins überzeugen zu lassen, dass eine multiethnische Gesellschaft funktionieren kann. Und dass sie besser funktioniert, wenn sie aus Fremden Staatsbürger macht. Wenn der Gesetzgeber dem Volk hier ein wenig voraus wäre - schön wär's.

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