Auf den Punkt : Krach bleibt Krach

Lorenz Maroldt über Kinderlärm in Berlin

Lorenz Maroldt
Lorenz Maroldt, Chefredakteur -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Eine Berliner Familie, die in ihrem dünnwandigen Reihenhaus die Nachbarn auch noch am Sonntag mit dem Klavierspiel ihrer Tochter nervte, muss ein Bußgeld von 50 Euro zahlen, und die versammelte Landespolitik brüllt empört los. Die Entfaltung der Kinder werde behindert und das "normale Leben" (zu dem in manchen Kreisen offenbar tägliches Klavierspielen gehört) nicht hinnehmbar eingeschränkt. Der umweltpolitische Sprecher der SPD entdeckt als Übeltäter eine Lücke im Landesemissionsschutzgesetz, die dringend zu schließen sei, weil ja wohl nicht sein könne, dass die akustische Umweltverschmutzung durch Gewerbelärm dem Lärmausstoß von Kindern gleichgestellt ist. Alle wollen Ausnahmen für Kinder - und bekommen tobenden Applaus.

Dabei gibt es solche Ausnahmen ja bereits. Nachbarn müssen Kinderkrach in einem recht großen Ausmaß ertragen. Niemand kann Eltern verbieten, dass ihr Baby schreit. Aber älteren Kindern ist durchaus zuzumuten, sich an bestimmte Regeln zu gewöhnen, zum Beispiel die, dass es allgemeinverbindliche Ruhezeiten gibt. Davon haben auch Kinder etwas, die mittags noch ein Stündchen schlafen wollen sollen.

Aber hier geht es ja auch nicht wirklich um Kinder, sondern um Klaviere. Das ganze ist also eine ziemlich schräge Debatte, selbst wenn die junge Dame einigermaßen gut spielen kann. Denn es spielt keine Rolle, ob sie für Jugend musiziert übt oder bei Jugend trainiert für das Atonalfestival. Den einen nervt Bach, den anderen nerven die Beatsteaks. Wollen wir eine Geschmackspolizei einführen? Oder großbürgerliche Emissionen besonders schützen? Den empörten Kindermusikfreunden wünsche ich als Nachbarn ein paar fanatische Eltern, die aus ihrer Vierjährigen mit Gewalt und Geigen eine neue Anne-Sophie Mutter machen wollen.

Eine weitere Lärmausnahme für Kinder ist deshalb quatsch. Sonst kommt der nächste auf die Idee, seine Kleinen die Wohnung reparieren zu lassen, mit Hammer und Bohrmaschine, und der behauptet dann, die wollen nur spielen. Nein, Lärm ist Lärm bleibt Lärm. Kurios, dass trotzdem besonders laut diejenigen für das Recht auf mehr Kinderkrach sind, die ansonsten unter der Parole "Unser Dorf soll leiser werden!" gegen normalen Stadtlärm lostoben. Jetzt fordern sie Toleranz. Aber Toleranz gibt's nicht umsonst, sie kostet ein bisschen Rücksicht. Wer das nicht zu geben bereit ist, hat kein Verständnis verdient.

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