Auf den Punkt : Neukölln regiert die Welt

Jost Müller-Neuhof über die Buschkowskysierung der Sozialpolitik

Jost Müller-Neuhof
Jost Müller-Neuhof (neu)
Jost Müller-Neuhof

BerlinStrafanzeigen haben Konjunktur in öffentlichen Diskussionen, auch die aussichtslosesten. Gegen den notorischen Türkenkritiker Thilo Sarrazin ermitteln die Staatsanwälte schon, jetzt soll es auch Heinz Buschkowsky treffen, der die von der Koalition beschlossene Herdprämie als Unterschichtenvermehrungsprogramm und Saufzulage für unfähige Eltern geißelt. Verfolgen lassen will ihn das konservative „Familiennetzwerk“, das seine Klientel beleidigt sieht.

Haha, darüber kann man sich prima lustig machen. Eine Strafanzeige – bloß weil einer sagt, was Sache ist? Und dann auch noch von diesen Eva-Herman-Typen? Jedenfalls im Falle Buschkowsky dürfte es eher ein Ausdruck von Hilflosigkeit sein; ein letztlich so verzweifelter wie unsinniger Versuch, der übermächtigen, von West und Ost und von Links bis Rechts und vor allem in der Mitte geteilten Welt- und Herdprämiendeutung des größten und wichtigsten Bürgermeisters, den Neukölln je hatte, irgendetwas entgegenzusetzen.

Denn da gab es wenig. Und Tatsache ist: Die Herdprämie ist ein simpler Akt der Gerechtigkeit, eine Anerkennung, eine symbolische Tat. Das Mittelschichtförderprogramm Elterngeld lässt derzeit stolze Vatis und Muttis nach Monaten Auszeit höchst selbstbewusst, satt und gut gekleidet durch die Büroflure laufen und von ihrem Nachwuchs schwärmen: Juhu, wir haben ein Kind, wir verzichten auf nichts, bald geht’s in die Kita, und der Chef findet neuerdings auch alles toll. Da ist es nur fair und gerecht und gut und menschlich, wenn die Mutti, die – mit Kopftuch oder ohne – samt ihrer Windelscheißer Tag für Tag genervt an der Aldi-Kasse in der Schlange wartet und dann das Mittagessen kocht, auch für etwas honoriert wird: nämlich für das, was sie gerade tut. Und nur darum geht es.

Aber das würde erfordern, den Blick einmal von sich selbst und den eigenen Lebensmodellen zu wenden, was derzeit nicht en vogue ist. Im Gegenteil, die Buschkowskys liefern mit ihrer Neuköllner Straßenkenntnis die Gesamtberliner Blaupause für die aktuell richtige Meinung in allen wichtigen sozial-, erziehungs- und integrationspolitischen Debatten: Richtig ist, wenn ich aus meinem Rathausfenster sehen kann, was richtig ist.

Komisch, dass sich niemand darüber aufregt. Es handelt sich im Ergebnis um exakt jene Berliner Provinzdenke, die man als Sitz der großen weiten Bundespolitik überwunden zu haben glaubte. Dickes Kanzleramt, tolle Theater, Touristen, Politiker und Diplomaten aus aller Welt. Und dann das: Neukölln rules.

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