Auf den Punkt : Verbote liegen im Trend

Lorenz Maroldt über das Berliner Bürgergängeln

Lorenz Maroldt
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Lorenz Maroldt, Chefredakteur -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinDie Berliner Gesundheitssenatorin ist ganz doll zufrieden, und die Drogenbeauftragte des Senats bestätigt: "Das Rauchverbot liegt im Trend": Von heute an wird das Nichtraucherschutzgesetz, das in allen Gaststätten außerhalb abgeschotteter Zellen seit einem halben Jahr gilt, auch noch sanktioniert: Bis zu 100 Euro kostet das den erwischten Raucher, bis zu 1000 Euro den erwischten Gastwirt. Bereits ein stehen gelassener Aschenbecher auf dem Kneipentisch gilt als Beweis.

Doch diesmal haben sich die Bürokraten selbst ein Loch in die Akten gebrannt. Gerade mal die Hälfte der vom Senat zugesagten 88 Kontrolleure treten ihren Dienst in den Bezirken an. So veranstaltet Charlottenburg-Wilmersdorf vorsichtshalber erstmal Testwochen mit drei Leuten für 1800 Gaststätten, in Friedrichshain-Kreuzberg soll das "Interventionsteam Jugendschutz" mit vier Leuten über 4000 Restaurants, Kneipen und Bars wachen, in Mitte und Pankow zieht die Raucherwehr überhaupt nur bei Beschwerden los und in Neukölln und Spandau erstmal gar nicht. Gleichzeitig am Personal sparen und mehr einnehmen wollen geht eben schlecht.

Bei der Umweltzone hat die Abzocke dagegen prima geklappt, da konnten die Plakettenfetischisten in der Verwaltung engagiert ihr Hobby pflegen. 14.000 Verfahren wurden seit Februar eingeleitet, zumeist gegen ahnungslose Touristen. In Hannover, das auch eine Umweltzone hat, waren es im selben Zeitraum gerade mal 40. Ist Berlin etwa 350 mal größer als Hannover?

Ja, die Drogenbeauftragte hat schon recht: Verbote liegen beim Senat so sehr im Trend, dass die eifrigen Ordnungsämter kaum noch hinterher kommen. Das Bürgergängeln ist ganz groß in Mode. Deutlich weniger geraucht wurde übrigens auch schon vor dem Verbot. Das ist der wahre Trend. Fast überall haben sich Wirte und Gäste darauf eingestellt, eine optimale Situation: In den meisten Läden wird nicht mehr geraucht, wer es dennoch will, weiß aber auch, wo es noch geht. Doch jetzt schlägt die Stunde der Denunzianten. Von den 4000 Gaststätten in Friedrichshain-Kreuzberg wurden schon 200 als auffällig gemeldet. Die bekommen demnächst Besuch und werden abkassiert, selbst wenn niemand dort, weder die rauchenden Gäste, noch die rauchende Bedienung, etwas gegen den Qualm einzuwenden hat.

Immerhin: Es ist hier noch nicht so absurd wie in Holland, wo ebenfalls seit heute das Rauchverbot gilt - sogar in den berühmten Coffeeshops, in denen auch weiterhin Marihuana geraucht werden darf. Aber womit? Die ersten experimentieren bereits mit Huflattich, hm… Ach, da würde man doch zu gerne mal eine Kontrolle sehen: Bitte wickeln Sie Ihren Joint aus, wir wollen überprüfen, ob sie verbotenen Tabak darunter gemischt haben!

Hierzulande müssen wir uns vorerst darauf beschränken, zwei Damen vom Amt dabei zuzusehen, wie sie in einer vollgequalmten Weddinger Eckkneipe mit einem durchschnittlichen Alkoholpegel von 2,5 Promille für Ordnung sorgen wollen. Das gibt wirklich dicke Luft! Eine erheiternde Vorstellung. Da muss man zum Lachen nicht mal kiffen.

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