Auf den Punkt : Zuckerfest später

Jost Müller-Neuhof über die Forderung nach einem muslimischen Feiertag

Jost Müller-Neuhof
Jost Müller-Neuhof
Jost Müller-Neuhof, Redakteur Politik.Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinWas muss man tun, um Leuten, die glauben, der Islam überrolle uns mit seinen Koransuren, Moscheebauten, Gebetsräumen und Kopftuchmädchen, wirklich den Rest zu geben? Genau dies: Man fordert einen gesetzlichen muslimischen Feiertag, einen für alle natürlich. Als symbolische Anerkennung des Islam, so hat es der Alt-Vordenker der Grünen, Hans-Christian Ströbele, zum wiederholten Male als Motto ausgegeben.

Symbolische Anerkennungen sind eine feine Sache, wenn sie nicht absehbar zu bloß symbolischen Streitereien führen – wie in diesem Fall schon gesehen. Auch für muslimische Vertreter kann die Feiertagsdebatte nicht ganz oben auf der Integrationsagenda stehen, aber was tun sie? Sie fordern mit. Ähnlich unüberlegt, nur im Tenor entgegengesetzt, Bischof Wolfgang Huber, der sich sogleich herausgefordert fühlt, einen „Vorrang für christliche Feiertage in der Kultur unseres Landes“ zu verteidigen.

Schon ist es wieder so weit: Islam contra Christentum, der Clash der Weltreligionen. Es ist nur die ewig falsche Debatte, Glaubensdinge gegeneinander auszuspielen, sie hat außer zu Blutvergießen noch nie zu etwas geführt. Die muslimischen Vertreter mögen nicht vergessen, dass sie in einer 80-Millionen-Gesellschaft mit ihren rund drei Millionen Anhängern eine eher kleine Einheit bilden. Da kann es sich gut machen, auch mal nachdenklich zu wirken. Und Bischof Huber muss sich sehr weltlich darauf hinweisen lassen, dass es keinen Vorrang für christliche Feiertage in unserer Kultur gibt, sondern ausschließlich einen für gesetzliche. Über eben jene entscheidet in einer Demokratie die Mehrheit und ihre politische Repräsentanz, nicht der Glaube und schon gar nicht Bischof Huber.

Besser als symbolische Anerkennung ist deshalb zunächst einmal: echte Anerkennung. Darauf sind die politischen und gesellschaftlichen Kräfte derzeit zu richten. Und dazu gehört es auch, Debatten zu meiden, die aktuell nicht mehr leisten, als die Konfliktparteien in Gräben springen zu lassen. Einen muslimischen Feiertag kann, vielleicht muss es ihn eines Tages geben. In einem migrantenreichen Stadtstaat wie Berlin womöglich schon in zehn bis zwanzig Jahren, in anderen Bundesländern erst in ein oder zwei Generationen. Kann aber auch sein, dass der deutsche Ramadan, das Neuköllner Zucker- und das Weddinger Opferfest bis dahin für die Nachgeborenen längst ihre Reize verloren haben. Manchmal geht sogar Religiosität den Weg alles Irdischen.

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