Auf den Punkt : Zwei Leichen gegen fünf Verbrecher

Malte Lehming über den Gefangenenaustausch in Nahost

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

BerlinDas Wort klingt auf eine Weise neutral, dass man es im konkreten Fall verlogen nennen muss - "Gefangenenaustausch". Man denkt an Kriegsgefangene, die nach Beendigung der Feindseligkeiten wieder nach Hause ziehen dürfen, oder an die Glienicker Brücke in der nebligen Abenddämmerung, über die ein Sowjetdissident in den freien Westen geht. Doch derart ausgewogen, äquidistant und romantisch ging es nicht zu, als heute die Leichen von zwei unschuldigen Israelis gegen fünf quietschlebendige Verbrecher der islamistischen Hisbollah ausgetauscht wurden. Einer dieser Verbrecher ist Samir Kantar, der 1979 einen israelischen Familienvater vor den Augen seiner vierjährigen Tochter erschoss, bevor er dieser mit dem Gewehrkolben den Schädel zerschmetterte. Er habe mit der Aktion, wie er später zugab, gegen die Unterzeichnung des Friedensvertrages zwischen Israel und Ägypten protestieren wollen.

Kein Wunder, dass die Hisbollah den Deal als glatten Sieg feiert. Wer in erster Linie in den Maßstäben orientalischer Basarmentalität denkt, kann eben nicht anders. Und wiegen die Jubelschreie der Islamisten nicht tatsächlich schwerer als die Tränen der Israelis? Nein, denn Israel hat heute einmal mehr den Unterschied zwischen Humanität und Barbarei demonstriert. Hier eine Gesellschaft, die bis an die Grenze des Erträglichen und Zumutbaren für jedes ihrer Glieder kämpft. Die zwei Leichname ihrer eigenen Bürger sind ihr wichtiger als Sühne und Gewaltprävention. Darin ist eine Botschaft nach Innen enthalten: Keiner von euch wird jemals im Stich gelassen, ob tot oder lebendig. Der Staat ist für euch da - und nicht nur ihr für ihn. Selbst das Prinzip, sich nicht erpressen zu lassen, wird dieser Maxime untergeordnet. Kein Terroranschlag hat mehr Wucht, als einem diese grandiose Ethik an Respekt abverlangt.

Und dort die Terroristen, die sich hinter der eigenen Zivilbevölkerung verstecken, Unschuldige in den Tod reißen und sich dafür als Märtyrer feiern lassen, auf die siebzig Jungfrauen warten. All die Freudengesänge, die heute auf Samir Kantar angestimmt werden, hallen auch in unseren Herzen, Seelen und Köpfen nach - als ein Beitrag zur Klarheit, auf wessen Seite wir stehen. Zwei Leichen gegen fünf Verbrecher, eine Moral gegen eine Amoral, die Humanität gegen die Barbarei. Das ist das Vermächtnis von Ehud Goldwasser und Eldad Regev. Dafür wird ihr Name in die Geschichte eingehen.

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