Bundesregierung : Geliebte Lügner

Malte Lehming über Afghanistan, die Finanzkrise und deutsche Nebelkerzenwerfer

Malte Lehming Foto: Kai-Uwe Heinrich
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es ist etwas Seltsames mit den Deutschen. Wann immer bei ihnen die Rede auf die US-Regierung unter George W. Bush kommt, fällt spätestens im zweiten Satz das Wort "Lüge", im dritten das Wort "Betrug". Doch daheim, zwischen Flensburg und dem Bodensee, Düsseldorf und Dresden gelten andere Regeln. Da wollen die Deutschen belogen werden, da sehnen sie sich nach Augenwischerei, da respektieren sie Stillhalteabkommen und Nebelkerzenwerfer.

Anders ist nicht zu erklären, warum kein landesweites Lachkonzert einsetzt, wenn etwa die Verlängerung des Afghanistaneinsatzes der Bundeswehr damit begründet wird, dass rund um Kabul ein "demokratischer Staat ohne Krieg, Korruption und Drogenanbau" entsteht. Wie die Schweiz vielleicht? Schamlos wird so getan, also ob in Afghanistan in naher Zukunft alle junge Mädchen ohne Schleier Mathe und Fremdsprachen pauken könnten, während längst klar ist, dass es allenfalls noch um Schadensbegrenzung geht. Schon jetzt ist 2008 das verlustreichste Jahr seit dem Sturz der Taliban.

"Wo prinzipiell und nicht nur gelegentlich gelogen wird, hat derjenige, der einfach sagt, was ist, bereits zu handeln angefangen, auch wenn er dies gar nicht beabsichtigte", schreibt Hannah Arendt und stellt einer Welt, in der man mit Tatsachen beliebig umspringt, die "einfache Tatsachenfeststellung" entgegen. Also los: Die Bundesregierung hat die globale Finanzkrise verstanden und im Griff? Wer's glaubt, ist selbst schuld. Man höre dem Gestammel unserer politischen Führung bloß einmal zu. Im Vergleich zu Peer Steinbrück wirkt eine Sarah Palin eloquent, kundig und schlagfertig.

Der Bundeshaushalt wird 2011, trotz Rezession und Milliardenstützungspaketen, ausgeglichen sein? Natürlich nicht. Das lässt sich im Kopf ausrechnen, ohne Fingerhilfe. Die SPD wird auf Bundesebene nie ein Bündnis mit der Linkspartei eingehen? Ach ja - wo der Wortbruch von Andrea Ypsilanti in Hessen gerade gesellschaftlich hoffähig gemacht wird und sie selbst bereits unwidersprochen über eine Koalition, statt einer Tolerierung, nachdenkt. Und: Der Klimawandel lässt sich trotz weltweit steigenden Energiebedarfs ohne Atomstrom wirksam bekämpfen? Eine weitere ideologisch motivierte Schutzbehauptung, die jeder vernunftbegabte Mensch mühelos widerlegen kann.

Zur Wahrheit mündig: Von diesem Zustand sind die meisten Deutschen erschreckend weit entfernt. Sie verfangen sich lieber in den Fallstricken ihrer Dogmen, als sich ungeschützt den Faktizitätshärten der real existierenden Wirklichkeit auszusetzen. Die klagen sie lieber bei anderen Völkern ein, vorzugsweise den Amerikanern und am lautesten in der Krise.

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