Joschka Fischer : Üb’ immer Treu und Redlichkeit

Joschka Fischer hat zu unterscheiden und gewichten gelernt - nun sehen ihn viele als prinzipienlosen Wendehals.

Malte Lehming
Malte Lehming
Malte Lehming, Leitender Redakteur (Meinung) -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wenn in Deutschland sich einer weiterentwickelt, wenn er dazu lernt, seine Haltung überprüft und gegebenenfalls korrigiert, gilt er rasch als prinzipienlos. Er wird als Wendehals beschimpft, als Renegat oder gar als Verräter. Besonders schnell wird der Vorwurf von jenen erhoben, die sich einer Ideologie verpflichtet fühlen. Das musste Günter Schabowski erfahren, ehemals SED-Funktionär und Mitglied des Politbüros des ZK der SED, der sich nach der Wende offen zu seiner Mitschuld an den Verbrechen der DDR bekannte. Seitdem verspotten ihn die Ewiggestrigen mit dem trotzigen Vorsatz: „Wir lassen und nicht verschabowskisieren.“

Aktuell durchlebt Joschka Fischer diese peinliche Pein. Er habe, so lautet im Kern der Vorwurf ehemaliger Weggefährten, linke Ideale irgendwann weniger wichtig genommen als die Realität. Ein sonderbarer Vorwurf, der sich indes nahtlos einfügt in eine nicht gerade rühmliche Tradition der deutschen Linken. Wir erinnern uns: Als Ende der siebziger Jahre Alexander Solschenizyns Bericht über den „Archipel Gulag“ etwa in Frankreich zu einem Schock führte, der die Intellektuellen reihenweise von ihrer Kommunistenliebe kurierte, zeigten sich die Genossen in Deutschland ungerührt. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte.

Was also hat Fischer verbrochen? Wer Nie-Wieder-Auschwitz skandiert, muss auch Nie-Wieder-Pazifismus rufen: Diese an sich banale, weil realitätsüberprüfte Einsicht wird dem Ex-Außenminister schwer verübelt. Seine Widersacher wollen wehrhafte Antifaschisten sein, aber den Griff zu den Waffen unter allen Umständen ablehnen. Der Widerspruch stört sie weniger, als es die Aufgabe des Dogmas täte.

Im Zweifel an der Seite Israels

Die deutsche Vergangenheit verpflichtet deutsche Linke, im Zweifel an der Seite Israels zu sein: Auch das mögen jene Befreiungsnostalgiker nicht hören, die zwar einerseits aus der Geschichte lernen wollen, andererseits aber eine geschichtsblinde antikolonialistische Rhetorik pflegen. Dass der Antizionismus ein von Grund auf reaktionäres Phänomen ist, das sich hinter revolutionären Phrasen nur tarnt, wollen sie nicht wahrhaben. Als RAF-Sympathisanten 1976 in Entebbe, im Reich des Hitler-Verehrers Idi Amin, die Passagiere nach Jude und Nicht-Jude selektierten, ging zumindest Joschka Fischer ein Licht auf.

Und zuletzt: Wer die transatlantischen Beziehungen ruiniert, gefährdet Europas Zukunft. Zu Madeleine Albright ebenso wie zu Colin Powell unterhielt Fischer exzellente Beziehungen. Bis heute fasziniert ihn die US-amerikanische Gesellschaft – aller Kritik an George W. Bush, Irakkrieg und Guantanamo zum Trotz. Fischer hat zu unterscheiden und zu gewichten gelernt. Deshalb weiß er – im Unterschied etwa zu seinem Ex-Boss Gerhard Schröder -, dass ein Amerika unter Bush für die Welt immer noch bereichernder ist als ein Russland unter Wladimir Putin.

Links, wo keine Heimat ist: So hat sich der Holocaustüberlebende Jean Amery im Nachkriegsdeutschland gefühlt. Wer dessen Schriften kennt, versteht auch die wunderbare Wandlungsfähigkeit von Joschka Fischer. Wer ihn darob kritisiert, beweist bloß den eigenen Starrsinn.

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