Meinung : Auf gut Deutsch

Da alles Wesentliche geregelt ist, können wir ja jetzt über Rechtschreibung streiten

Gerd Appenzeller

Da die Deutschen und vor allem ihr Führungspersonal zielorientierte Menschen sind, arbeiten sie ein Problem nach dem anderen ab. Hartz IV haben wir umgesetzt, die Massenarbeitslosigkeit ist beseitigt, ein überzeugendes Konzept für die Gesundheitsreform liegt vor, die Rentenversicherung ruht endlich auf sicheren Säulen. Nun können wir uns mit der Rechtschreibung befassen, hier herrscht ein wenig Unordnung, das muss nicht sein.

Sie meinen, das sei ziemlich dummes Zeug, was im vorangehenden Absatz steht? Stimmt, leider. Keine der großen Sorgen, die die Deutschen belasten, sind ihnen genommen. Dennoch haben die Axel Springer AG und der Spiegel-Verlag gestern eine bahnbrechende Entscheidung verkündet, und die Debatte darüber wird zunächst einmal alle anderen Themen überlagern: Die Publikationen von Springer und Spiegel sollen zur alten Schreibung zurückkehren. Die „Süddeutsche Zeitung“ will sich bald anschließen. Alle folgen der FAZ auf einem Weg, den deren Herausgeber Frank Schirrmacher vorgegeben hatte. Ziel sei, so teilen Springer und „Spiegel“ mit, die Wiederherstellung einer einheitlichen Rechtschreibung. Das jetzige Regelwerk leide unter mangelnder Akzeptanz, Vermischungen von alter und neuer Schreibung seien an der Tagesordnung.

Der erste Beifall aus der Politik kam prompt. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff freut sich. Der Unsinn dieser Reform sei nicht zu halten, meint der CDU-Politiker, und kündigt für die nächste Ministerpräsidentenkonferenz eine Initiative zur Rücknahme der Reform an. Wir ahnen es: Doppel-s und ß geraten in den Parteienstreit, der ganze Schlamassel um Alleinstehende und allein Stehende ist ganz sicher (Ideologie, ick hör’ dir trappsen), von Rot-Grün angerührt. Schon der Begriff allein Stehende passt doch zu denen …

Zugegeben, die Kultusministerkonferenz ist eine der zähesten Veranstaltungen dieses Landes. Gelähmt vom Parteien- und Länderproporz, getrieben von persönlichen Eitelkeiten und dem Ehrgeiz von Landesregierungen, die sich gerne im Kleinen verlieren, weil sie im Großen nichts entscheiden dürfen, ächzt der Apparat vor sich hin. Die Mängel der Schreibreform sind bekannt. Wenn jeder von ihnen die Verantwortlichen geschmerzt hätte wie der Stich einer Sommerwespe, wären alle Probleme lange gelöst. Aber falsche Orthografie tut leider nicht weh, und weil es bis 2005 dauert mit der Allgemeinverbindlichkeit der neuen Schreibung, setzt ein jeder die Buchstaben so, wie ihm ist. Immerhin: Die Kultusminister sind dabei, die gröbsten Dummheiten des Regelwerks zu beseitigen. Demokratisch legitimierte Abstimmungsprozesse sind eben mühsam.

Aus diesem eher schleichenden denn konsequenten Handeln resultiert tatsächlich (bis 2005) etwas, das man ein Chaos nennen kann. Wir werden uns gedulden müssen, bis die Schreibung wieder einheitlicher wird – wenn wir es denn überhaupt als dramatisch empfinden, dass es mehrere Optionen gibt. Mindert es die Klarheit der Schriftsprache wirklich, wenn sie über einen gewissen Zeitraum, oder gar auf Dauer, in einzelnen Fällen mehrere Schreibweisen zulässt?

Nein – und was Springer und Spiegel gestern als Vorgabe präsentiert haben, nach der die Nation sich nun richten solle, wirkt ziemlich anmaßend, in dieser Form auch undemokratisch. Und es geschieht nicht zum Nutzen der Kinder, sondern wird sie verwirren; falls sie Zeitung lesen. Als die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen (auch die der Schweiz und Österreichs) am 1.August 1999 auf die neuen Schreibregeln umstellten, folgten dem die meisten Zeitungen, auch der Tagesspiegel. Diese Redaktion ließ sich damals von der Überzeugung leiten, dass die Zeitung Deutsch so schreiben sollte, wie es in der Schule gelehrt wird. Daran hat sich nichts geändert.

Am Ende können einem jetzt die Kinder leid tun. Oder Leid tun. Das ist egal.

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