Aung San Suu Kyi : "Das einzige Gefängnis ist die Angst"

Aung San Suu Kyi könnte bald freikommen. Ein Porträt der Oppositionsführerin und Ikone der Demokratiebewegung in Birma.

Richard Licht
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Birma wartet gespannt darauf, was der oberste General Than Shwe entscheiden wird: Kommt Aung San Suu Kyi, die verehrte Ikone der Demokratiebewegung, am Samstag nach Ablauf ihres Hausarrestes frei oder wird sie weiter in ihrem Haus am Inya-Lake festgehalten, wo sie seit dem letzten Verdikt vor 18 Monaten wieder festsitzt? Eine Prognose mag niemand wagen, sie kennen ihr goldenes Land, über das manche sagen, das einzig Zuverlässige sei die Unzuverlässigkeit.

Wenn der Diktator zu dem Schluss gekommen sein sollte, dass die Friedensnobelpreisträgerin, die alle „die Lady“ nennen, nach den gefälschten Wahlen vom Wochenende keine Gefahr mehr für ihn darstellt, könnte sie freikommen, meinen Beobachter. Dass Suu Kyi sich vehement gegen die vom Militär zur Pflicht erklärten Wahl vom Sonntag ausgesprochen und zum Boykott aufgerufen hatte, könnte aber der Vorwand für die nächste Strafe sein. In Rangun hoffen nun viele, sie möge erst einmal nichts zur Wahl sagen, um eine Freilassung nicht zu gefährden.

Suu Kyi gilt als weltläufig gebildete Intellektuelle, war aber rund 15 der vergangenen 20 Jahre eingesperrt. Die heute 65-jährige Tochter des früh erschossenen Nationalhelden Aung San studierte einst Gandhis Philosophie und in Oxford Politik und Ökonomie. Sie lebte in New York und in Japan. Später heiratete sie den britischen Tibetforscher Michael Aris, mit dem sie zwei Söhne hat. Als Suu Kyi bei der Junta in Ungnade fiel, wurde sie deshalb als Ausländerhure verunglimpft.

Rund um den Sturz des damaligen Diktators Ne Win und die blutigen Studentenunruhen 1988 begann Suu Kyi, sich für die Demokratie in ihrem Land zu engagieren. Sie nannte es den zweiten Kampf für Unabhängigkeit: „Mein Vater hat die Armee nicht gegründet, damit sie das Volk unterdrückt.“ Bald folgte eine neue Militärregierung. Im Juli 1989 wurde Suu Kyi erstmals unter Hausarrest gestellt. Bei der Wahl 1990 gewann ihre Partei NLD 80 Prozent der Sitze – aber die Generäle erkannten den Sieg nicht an. 1991 erhielt Suu Kyi den Friedensnobelpreis. Seit Juli 1989 durfte sie ihren Mann und ihre Söhne nicht sehen. Die Ausreise vor seinem Tod lehnte sie ab, weil sie befürchtete, nicht zurückkehren zu dürfen. Einer ihrer Söhne, so heißt es, wartet derzeit in Bangkok. Er hofft auf ein Visum – und mancher Birmane darauf, dass die Lady den Weg zu einem dritten Kampf für Unabhängigkeit weisen möge. Richard Licht

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