Meinung : Aus dem Slum an die Macht

Von Clemens Wergin

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Wer Frieden will, muss zahlen. Zumindest im schiitischen Slum von Bagdad, wo die Kämpfer der MahdiMiliz nach Wochen der Kämpfe gestern begannen, Waffen gegen Cash oder Gutscheine einzutauschen. Fünf Dollar zahlen die irakischen Behörden für eine Handgranate, 1000 Dollar für ein großkalibriges Maschinengewehr. Ein Kämpfer hat gleich ein ganzes Arsenal von Panzerfäusten und Granaten vorbeigebracht und dafür 14 500 Dollar eingesteckt. Der Frieden lohnt sich.

Obwohl täglich Geiseln ermordet werden oder irgendwo im Irak Bomben explodieren, ist doch nicht zu übersehen, dass die US-Truppen und ihre irakischen Verbündeten in die Offensive gehen. Die lange umkämpfte Stadt Nadschaf konnten die Kämpfer von Milizenführer Muktada al Sadr im August noch mitsamt ihren Waffen verlassen. In Sadr-City in Bagdad, wo sie über lange Zeit die einzige Ordnungsmacht darstellte, musste die Mahdi-Miliz nun einer Entwaffnung zustimmen. Eine Entscheidung, die nicht nur das Ergebnis des militärischen Drucks ist, den irakische und amerikanische Truppen in den letzten Tagen ausgeübt haben, sondern auch politischem Kalkül entspringt: Muktada al Sadr setzt darauf, dass viele Schiiten bei den Wahlen im Januar für ihn stimmen werden. Jene zumindest, die vom vorsichtigen Kurs des religiösen Schiitenführers Ajatollah al Sistani enttäuscht sind. Al Sadr wird aber nur antreten dürfen, wenn seine Mahdi-Miliz den bewaffneten Widerstand aufgibt. Das heißt nicht, dass er sich nicht alle Optionen offen hält, aber zumindest scheint al Sadr nun mehr auf den politischen denn auf den militärischen Kampf setzen zu wollen.

Die Befriedung des Zwei-Millionen-Viertels Sadr-City ist ein wichtiges Element der neuen amerikanischen Strategie. Die Bush-Regierung will nicht mehr nur reagieren, sondern hat weitere 20 bis 30 Städte – meist in den sunnitischen Unruhegebieten – identifiziert, wo die Autorität der irakischen Regierung noch vor den Wahlen im Januar wiederhergestellt werden soll. Denn nur wenn ein großer Teil der Iraker die Möglichkeit erhält, ungehindert zu den Wahlurnen zu kommen, wird die künftige irakische Regierung über die nötige Legitimation verfügen.

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