Auslandsjournalismus : Was Arabien macht

Mit dem Auto in Bagdad, zu Fuß im Elendsviertel und als Frau im Iran: Meine Jahre als Tagesspiegel-Korrespondentin im Nahen Osten. Von Andrea Nüsse

Wo liegt Amman? Als ich im Januar 2001 als Korrespondentin für die arabische Welt in die jordanische Hauptstadt aufbrach, mussten Freunde erst einmal im Atlas nachschauen. Auch in der Personalabteilung waren die arabischen Namen nur zum Teil geläufig. Im ersten Vertragsentwurf sollte ich plötzlich nach Oman entsandt werden, ein wunderschönes Sultanat, politisch eher unbedeutend, an der Peripherie der arabischen Halbinsel. Heute, fast acht Jahre später, ist die Landkarte der arabischen Welt wohl auch im Westen bekannt. Notgedrungen. Denn der 11. September 2001 und die nachfolgenden Kriege und Katastrophen bringen meine Region seither in die Schlagzeilen.

Und sie haben meine Arbeit maßgeblich beeinflusst. Am frühen Nachmittag des 11. September 2001 saß ich im Interview mit zwei Homosexuellen-Aktivisten in einem Café in der Kairoer Innenstadt. Irgendwo im Hintergrund lief ein Fernseher ohne Ton. Ein Hollywood-Film oder Videoclip, in dem Flugzeuge in ein Hochhaus fliegen, nahm ich mit einem Auge wahr. Als sich die Szene mehrfach wiederholte, bat ich den Kellner, den Ton anzustellen. Als die beiden Ägypter und ich begriffen, dass dies keine Fiktion war, hatten wir spontan die gleiche Reaktion: „Lass es bitte keine Araber gewesen sein.“ Es waren aber Araber und Muslime. Meine Homosexuellen-Geschichte ist nie erschienen. Dafür berichtete ich plötzlich aus einer Region, die ins Zentrum des Weltgeschehens gerückt war. Und wurde schließlich wider Willen zur Kriegsreporterin.

Journalistisch eine einmalig interessante und intensive Zeit. Weltgeschichte aus der ersten Reihe. Aber mit so viel Gewalt und Leid verbunden. Dazu die Frustration, politische Fehlentscheidungen zu erleben, die absehbar zur nächsten Katastrophe führten. Und ganz persönlich der Umgang mit der Angst. Während der Intifada in Palästina zu Fuß über mannshohe Erdwälle zu klettern, mit denen die Israelis die palästinensischen Straßen blockieren, ist eine Sache. Sich bei abendlicher Ausgangssperre in Ramallah über eine Mauer zu werfen und mit klopfendem Herzen in einem Blumenbeet zu liegen, weil zwei israelische Panzer mit Volldampf die menschenleere Straße herunterdonnern, ist grenzwertig. Aber der Text musste ja noch vom Internet-Café aus gesendet werden.

Doch plötzlich ging es um echten Krieg und Guerillakrieg. Die Frage, welche Waffen Saddam Hussein denn nun genau besitzt, interessierte uns in Amman ebenso brennend wie in Israel. Denn Jordanien liegt in der möglichen Flugschneise. Evakuieren wir unsere Kinder, gemeinsam mit sämtlichen anderen Ausländerkindern an der französischen Schule, oder nicht? Sie sind geblieben. Dass wir zuletzt – wie viele Jordanier – die Fenster im Keller gegen Giftgas abdichteten, um einen Zufluchtsort zu haben, haben wir ihnen verschwiegen.

Die erste Fahrt nach Bagdad, nachdem die Saddam-Statue auf dem Firdos-Platz am 9. April gefallen war. Wie gefährlich ist es noch? Bald darauf ging die Jagd auf Ausländer los. Mal in schäbigen Sammeltaxis gereist, um nicht aufzufallen. Dann wieder in einem gepanzerten Mercedes, der einst zum Fuhrpark des jordanischen Königs Hussein gehörte, um möglichen Überfällen auf dem gefährlichen Teilstück der Autobahn bei Ramadi zu trotzen. Ein Reinfall, der glücklicherweise glimpflich abging: Da der schwere Wagen so viel Benzin verbraucht, dass er ständig auftanken muss, standen wir ausgerechnet in Ramadi erneut am Straßenrand, um Benzin aus Kanistern zu kaufen. In Bagdad wurden wir von jeder Polizeikontrolle angehalten und mussten die dunklen Scheiben herunterkurbeln: Gesucht wurde der flüchtige Innenminister Saddam Husseins, der das gleiche Auto besessen hatte. Dann ein neuer Einschnitt: Die Entführung des engen Freundes aus Amman, des Kollegen Christian Chesnot, der zusammen mit Georges Malbrunot vier Monate im Irak in Geiselhaft war.

Meist war die Motivation größer als die Angst. Der Wille, hinter die Kulissen zu schauen, der in Kriegszeiten allmächtigen Propagandamaschine der USA zu trotzen, die Iraker zu Wort kommen zu lassen. Der Umgang mit den autoritären arabischen Regimen. Die Skepsis gegenüber offiziellen Verlautbarungen wird zum Reflex. Sie feit einen auch gegen die Propaganda aus Washington, der viele Beobachter, die Arbeit in transparenten, demokratischen Gesellschaften in friedlichen Zeiten gewohnt sind, lange ausgeliefert schienen.

Ich habe viel über Machtpolitik gelernt. Dank meinem treuen Begleiter in diesen acht Jahren, George W. Bush, und seinen Mitstreitern. Die Auswirkungen der verheerenden Mischung aus verblendeter Ideologie und Arroganz der Macht habe ich hautnah miterlebt – Auswirkungen, die zu einer Fehlentscheidung nach der anderen führten. Ob es die Auflösung der irakischen Armee war, als ob man hier wie im Sandkasten eine utopische Idealgesellschaft aus dem Nichts erschaffen kann. Das Ausspielen einer Religionsgruppe gegen die andere. Der Boykott der demokratisch gewählten Hamas- Regierung in Palästina, dem die EU willig folgte. Alles Sackgassen, von Anfang an deutlich erkennbar, in denen man nur gegen die Wand fahren konnte.

Ebenso frustrierend die Entwicklung auf arabischer Seite. Autoritäre Regime, die gar nicht daran denken, einen Millimeter ihrer Macht abzugeben. Die ihre Völker in Entmündigung und Armut halten. Die Herrscher in Jordanien und Ägypten kaschieren das nur geschickter als andere. Eliten, die sich maßlos und schamlos auf dem Rücken ihrer Landsleute bereichern. Sie schotten sich in abgeschotteten Luxusvierteln am Stadtrand von der Realität in ihrem Lande ab und überlassen es dem Ausland, sich um ihre Armen zu kümmern. Die EU sollte vielleicht ein Projekt weniger im Slum finanzieren und stattdessen den Wirtschafts-Tycoonen beibringen, dass Reichtum soziale Verantwortung mit sich bringt.

Wie Armut und Unterdrückung die menschlichen Beziehungen korrumpieren, hat der ägyptische Zahnarzt und Schriftsteller Alaa al-Aswany in seinem Buch „Der Jacubijan-Bau“ eindrücklich geschildert: Der Starke nutzt den Schwachen aus, Korruption führt zu Abhängigkeiten und Willkür, die jede Aufrichtigkeit zunichte machen. Für Moral ist da kein Platz. Dies mag in Ägypten stärker als anderswo sein. Und ein Grund für den Erfolg der Islamisten. Denen ich mittlerweile aber auch ungeduldig über den Mund fahre. Wenn sie, wie der Hamas-Führer und ehemalige Außenminister Mahmud Zahhar, ein Interview mit einem Vortrag beginnen, in dem sie den angeblichen moralischen Verfall westlicher Gesellschaften beschreiben. Und der deutschen Journalistin erklären wollen, warum Frauen im Westen so unterdrückt sind.

„So radikal kenne ich dich ja gar nicht“, rief der neu zugereiste Kollege beim gemeinsamen Interview aus. Wahrscheinlich bin ich mittlerweile allergisch gegen Ideologien und moralische Überheblichkeit aller Art. Außerdem kenne ich den Diskurs auswendig.

Es ist schwer zu sehen, woher die Veränderung in der arabischen Welt kommen soll. Von außen sicher nicht. Aber solange derart viele Denktabus und pseudoreligiöse „Wahrheiten“ dominieren, taumelt die Region nur weiter vor sich hin. Während Ägypten noch nicht mitbekommen hat, dass bei kontinuierlicher Erderwärmung sein gesamtes Delta und damit seine Kornkammer im Meer versinken wird, streiten Gelehrte darüber, ob man den Urin des Propheten trinken durfte.

Sexy findet der Westen jetzt die Golfstaaten, so reich und so modern. Und so absolutistisch regiert, dass hier der Herrscher eine Vision im Handumdrehen verwirklichen kann, die in demokratischen Gesellschaften in parlamentarischen Instanzen und Bürgerbewegungen versanden würde. Faszinierend. Aber kein Modell.

Natürlich gibt es Lichtblicke: Die Zivilgesellschaften entwickeln sich, auch wenn ihr Einfluss noch kaum zu spüren ist. Die ägyptischen Richter kämpfen für ihre Unabhängigkeit. Die Arbeiter organisieren sich zunehmend und streiken für bessere Arbeitsbedingungen. Mutige Blogger bringen Skandale ans Licht – erstmals wurden daraufhin in Ägypten zwei Polizisten wegen Folter verurteilt.

Insgeheim hatte ich im Mai, als Gruppen der Zivilgesellschaft per Internet und Facebook gemeinsam mit den Muslimbrüdern zum Generalstreik gegen die Preissteigerungen aufgerufen hatten, auf eine „Mini-Revolution“ gehofft: Sollte ich nach 20 Jahren Beschäftigung mit der arabischen Welt, die einst mit dem Arabisch-Studium in Paris und Kairo begann, noch erleben, dass die Masse der Ägypter endlich einmal „Nein“ sagt? Pustekuchen. Resignation und Angst sind noch immer größer als die Unzufriedenheit. „Zeit zu gehen“, dachte ich.

Wenn man es dennoch so lange in der arabischen Welt aushält, muss es noch etwas anderes geben. Abseits der Politik. Wie die Abende im Garten der Kunstgalerie „Hiwar“ in Bagdad. Wenn Gastgeber Kassim Sabti mitten im Kriegschaos unter klarem Sternenhimmel Gedichte des vorislamischen Dichters Omar Khayyam rezitiert. Die Einladung in die Tee-Küche für Mitarbeiter einer Bibliothek in Riad, wo saudische Intellektuelle rauchen und offen diskutieren. Der Mitarbeiter eines iranischen Reisebüros, der alle Hebel in Bewegung setzt, um meinen im Hotel in Teheran vergessenen Pass auf die Insel Kish fliegen zu lassen, damit ich von hier ausreisen kann.

Die Menschen in der arabischen Welt sind oft warmherzig, hilfsbereit und gastfreundlich in einem Maße, das unsere westlichen Gesellschaften verkrüppelt erscheinen lässt. Die Gemächlichkeit, die einen teilweise um den Verstand bringt, hat zugleich etwas sehr Menschliches. Der Fatalismus, der im Exzess lähmt, in geringer Dosis aber eine bewundernswerte Gelassenheit gegenüber den Widrigkeiten des Lebens ermöglicht. Und eine Vitalität, die von einem Leben ohne Sicherheitsnetze rührt.

Immer wieder werde ich gefragt, wie es ist, als Frau in der arabisch-muslimischen Welt zu arbeiten. Kein Problem. Wenn man sich nicht daran stört, dass einige strikte Muslime Frauen nicht die Hand geben. Im Gegenteil. Man hat leichter Zugang zu Frauen und Familien, insbesondere in Ländern mit strikter Geschlechtertrennung wie Saudi-Arabien oder Iran. Und für die männlichen Gesprächspartner ist man immer eine Vertreterin des Westens. Außerhalb der eigenen Normen: Die starren Regeln für den Umgang mit den eigenen Frauen und Töchtern gelten hier nicht. Gerade in Saudi-Arabien hatte ich manchmal den Eindruck, dass die Männer das Gespräch mit einer Frau auf gleicher Augenhöhe genießen.

Nur einmal ist ein Interview geplatzt, als der Herr erkannte, dass der angekündigte Journalist eine Frau ist: In Bagdad machte ein schiitischer Geistlicher mittleren Ranges auf dem Absatz kehrt, nachdem mein Begleiter mich vorgestellt hatte. Doch in welcher Region kann man als Frau so sicher reisen? Außerhalb von Kriegsgebieten natürlich. Allein mit dem Zug quer durch Saudi-Arabien, mit Taxis durch die Einöde, zu Fuß durch Elendsviertel, abends in Damaskus oder Kairo unterwegs: ohne jegliche Angst.

Wirklich den Rücken kehren kann ich der arabischen Welt nicht. Dazu ist auch unsere Familiengeschichte zu sehr geprägt von den Erfahrungen in der Region. Meine Kinder sind in Amman und später in Kairo von Kleinkindern zu Jugendlichen erwachsen. Mit Freunden, die Mahmud, Khalil und Salma heißen. Bei der Rückkehr nach Deutschland fürchten sie vor allem die Jugendgewalt, von der sie immer wieder hören. Die gibt es hier nicht. Trotz aller Freundschaften mussten sie sich aber doch immer mit der anderen Kultur auseinandersetzen. Ein Ergebnis: Mein Sohn hat sich Ostern auf eigenen Wunsch taufen lassen. Mit elf Jahren. Das wäre in Berlin wahrscheinlich nicht passiert. Offen, unaufgeregt und mit gesundem Selbstbewusstsein für die eigene Identität und Kultur. So wünsche ich mir den Dialog zwischen den beiden Welten.

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