Meinung : Autsch

„Was macht die Familie“ vom 15. März

Jan und Josefine sind jetzt schon in dem Alter des Zahnspangentragens – aha. Ich schwanke einen Moment, ob mich das beim Frühstück interessieren könnte, und überfliege den Text.

Gleich im zweiten Abschnitt steigt meine Aufmerksamkeit: Es geht um den „Kiefernorthopäden“ der beiden Kleinen. Ein Aufschrei entweicht in mein angebissenenes Brötchen. Wie oft habe ich es schon im Deutschunterricht erarbeitet, ja geradezu eintrainiert, dass Kieferorthopäden keine Kiefern= Bäume, sondern die Kiefer = die beiden Knochen des Gesichtsschädels, in denen die Zähne eingelagert sind, bearbeiten. O.k., denke ich, sei nicht so kritisch, es ist ein Ausrutscher. Dann geht es plötzlich um einen Besuch in der „kiefernorthopädischen Praxis“ . Nein, denke ich, du regst dich nicht auf. Doch düstere Gedanken durchstreifen mein Hirn: Wie gut ist mein Deutschunterricht wirklich? Was haben Deutschlehrkräfte in den letzten Jahrzehnten versäumt? Typisch Deutschlehrerin, schelte ich mich selbst, es gibt so viel Wichtigeres auf der Welt ...

Als jedoch zum dritten Mal, nun allerdings vom „Kiefernchirurg, der es sportlich nimmt“, die Rede ist, reißt mein durch jahrelangen Deutschunterricht gut trainierter, ziemlich robuster Geduldsfaden, und trotz der vielen unkorrigierten Klassenarbeiten auf dem Schreibtisch entfaltet sich ein für Lehrkräfte nicht untypisches Sendungbewusstsein : Nein, nein und nochmals NEIN! Die Arbeit der Kieferorthopäden hat (hoffentlich) nichts mit den Bäumen der Kieferngewächse zu tun.

Marion Kiwus, Studienrätin für Deutsch, Englisch und Ethik,

Berlin-Zehlendorf

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