Meinung : Balkankrise: Heute vor zwei Jahren begann der Kosovo-Krieg

Stefan Reinecke

Die eiserne Logik separatistischer Kriege

Ja: Denn der Westen hat die UCK erst zu dem gemacht, was sie ist

Heute vor zwei Jahren bombardierte die Nato Serbien. Bellizisten und Pazifisten stritten damals obligatorisch über den Sinn - ein paar kluge Köpfe meinten, dass man diese Frage wohl erst in 20 Jahren beantworten kann. Erst dann nämlich werde man wissen, was aus dem Kosovo geworden sei: ein friedliches multiethnisches Gebilde, ein dauerhafter Konfliktherd, eine Vorstufe für Großalbanien? Mit Blick auf Mazedonien lässt sich schon heute sagen: Dieser Krieg hat mehr Probleme geschaffen als gelöst.

Die Nato hat vor zwei Jahren ihre beiden wesentlichen Ziele erreicht: keine eigenen Verluste und die Rückkehr der von serbischen Milizen vertriebenen kosovarischen Zivilisten. Doch die Intervention war von Beginn an ambivalent. Sie war völkerrechtswidrig, weil ihr das UN-Mandat fehlte. Und es ging nicht nur um Menschenrechte - die Nato, die "Luftwaffe der UCK", unterstützte faktisch die kosovarischen Separatisten.

Die Rückkehr der Kosovaren war das positive und nicht zu unterschätzende Ergebnis. Doch seitdem geschieht alles, wovor die Kritiker gewarnt hatten. Die Kfor hat es nicht geschafft, die UCK, die es gar nicht mehr geben dürfte, zu entwaffnen. Die "ethnischen Säuberungen" gingen weiter - nur unter umgekehrten Vorzeichen. In den letzten zwei Jahren sind etwa 300 000 Serben und Roma aus dem Kosovo vertrieben worden. Das multiethnische Kosovo, das die Nato retten wollte, ist unter den Augen der Kfor gewalttätig zerstört worden - und zwar nicht in irgendwie verständlichen Racheaffekten, sondern systematisch. Ein "unintended effect" des Krieges, aber ein absehbarer. Der Westen war verblendet von der Idee, ohne eigene Opfer für eine gute Sache kämpfen zu können. Das Paradox, dabei militärisch zu siegen und politisch zu verlieren, hatte darin keinen Platz. Aus 5 000 Metern Höhe sieht man komplizierte politisch-ethnische Verhältnisse nicht.

Das Desaster der Kfor droht nun in Mazedonien, einem labilen, slawisch-albanischen Staat, den UCK-Kämpfer destabilisieren. Das ist eine direkte Folge der Nato-Intervention. Nun rächt sich, dass der Westen lange auf die UCK, eine ideologisch trübe, nationalistische Gruppe setzte. Mag sein, dass auch die UCK nicht an "Großalbanien" glaubt - umso schlimmer. Ihr Guerillakrieg in Südserbien und Mazedonien scheint ein sich selbst reproduzierendes System zu sein, eine Art Kriegs- und Drogenökonomie, die gar keine Ziele mehr braucht. Und auch moderate Kosovaren, wie Rugova, distanzieren sich nur spät und unter Druck der EU vom UCK-Terror in Mazedonien. Auch Rugova hat begriffen, wie der Westen, jenseits aller Beteuerungen, tickt. Wer Gewalt anwendet, bekommt Aufmerksamkeit. Außerdem behandelt der Westen kosovarische Polit-Kriminelle so lässig, dass diese das als Aufforderung weiterzumachen verstehen müssen.

In Mazedonien steht der Westen wieder vor einer no-win-Situation. Die UCK verkörpert, wogegen der Westen intervenierte: das ethnische Prinzip, dass in dieser Region Bürgerkrieg bedeutet. Kann man die UCK nicht einfach niederkämpfen? Kaum. Dann dürfte die Kfor im Kosovo künftig als Besatzer, nicht mehr als Befreier gesehen werden - mit nordirischen Folgen. Außerdem würden sich dann die mazedonischen Albaner radikalisieren. Das ist die Logik separatistischer Kriege: Mit jedem Toten wird die Zukunft des gemeinsamen Staates unwahrscheinlicher. Nato-Gewalt gegen die UCK würde das gleiche Paradox bewirken wie der Kosovo-Krieg: zerstören, was man retten will. Stefan Reinecke

Die Allianz hat Mazedonien gerettet

Nein: Ohne die Nato wäre der Konflikt schon 1999 ausgebrochen - und heute kaum beherrschbar

So, so, der Kosovo-Krieg soll auf einmal falsch gewesen sein - weil er nicht verhindert hat, dass es zwei Jahre später zu Kämpfen in Mazedonien kommt. Das ist schon eine merkwürdige Logik. Richtig ist das Gegenteil, und dafür reicht, bei kurzem Gedächtnis, ein Blick in die Schlagzeilen von 1999: Hätte die Nato nicht im Kosovo interveniert, hätte sie Slobodan Milosevic mit der Vertreibung Hunderttausender Kosovo-Albaner gewähren lassen, dann wäre der Krieg in Mazedonien schon damals ausgebrochen. Eben das war ja eines seiner erklärten Ziele: Mazedonien durch eine albanische Massenflucht dorthin zu destabilisieren.

Wäre ihm das gelungen - ein richtiger, brutaler Regionalkrieg wäre die Folge gewesen, der Albanien miterfasst hätte. Nicht nur ein kleiner "drôle de guerre" mit ein paar Schießereien in einer eng begrenzten Gegend, wie wir ihn jetzt um die Stadt Tetovo erleben. Über mehr sind die Scharmützel der jüngsten Tage ja Gott sei Dank nicht hinausgediehen - und zwar gerade, weil die Nato im Kosovo steht, weil die EU einen Stabilitätspakt für den Balkan anbietet und es da für die Albaner in Mazedonien so schrecklich attraktiv nun auch nicht ist, sich von den ärmeren Brüdern im Kosovo "befreien" zu lassen.

Es ist unbestreitbar, dass die Nato-Intervention die Lage verändert hat - vor allem positiv, aber eben nicht nur. Sie hatte auch unerwünschte Nebeneffekte. Milosevics Niederlage hat den Albanern Auftrieb gegeben, auch den radikalen Nationalisten, die zuvor keine realen Aussichten hatten, ihre großalbanischen Träume zu verwirklichen. Doch das reicht nicht als Nachweis, dass der Kosovo-Krieg ein Fehler war. Dafür wäre der Beleg nötig, dass die Intervention der Nato mehr Probleme geschaffen, als sie gelöst hat. Das ist nun ganz gewiss nicht der Fall.

Die Allianz hat Milosevics Krieg im Kosovo beendet, die Flüchtlinge konnten zurückkehren - wie sähe es in Mazedonien heute aus, wenn sie alle hätten dort bleiben müssen? Die albanische Untergrundarmee UCK wurde zu einem Großteil neutralisiert: indem man den Kämpfern eine "zivile" Perspektive in der Polizei öffnete. Das konnte, das durfte man aber nicht allen anbieten, Kosovo wäre sonst zu einer Beute der UCK geworden. Richtig ist auch, dass deren Entwaffnung nicht vollständig gelungen ist. Aber, alles in allem, ist ein Erfolg zu vermelden: Heute steht keine größere albanische Befreiungsarmee bereit, um Mazedonien anzugreifen. Und ganz nebenbei hat die Nato-Intervention zu Milosevics Sturz beigetragen - weil den Serben klar wurde, dass er seine großserbischen Träume niemals wird durchsetzen können. Auch das macht Mazedonien sicherer.

Nein, zwei Jahre nach dem Beginn der Luftangriffe gibt es keinen Anlass, diese Entscheidung für einen Fehler zu halten - auch wenn die Intervention nicht alle Ziele erreicht, nicht alle Probleme gelöst hat. Doch wer durfte das denn realistischerweise erwarten? Das hat auch niemand versprochen: ein Multikulti-Paradies, Demokratie und Toleranz binnen zwei Jahren.

Heute ist die Lage stabiler als damals: so stabil, dass alle gemeinsam - Mazedonien, die Europäische Union und die Nato - sich gegen die radikalen Unruhestifter erfolgreich zur Wehr setzen können. Das haben auch die gemäßigten kosovo-albanischen Politiker verstanden. Nach mehrtägigem Lavieren haben sie gestern die Gewalt verurteilt und den Untergrund aufgefordert, die Waffen niederzulegen. Christoph von Marschall

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