Benedikt XVI. in Israel : Der Papst in der Pflicht

Benedikt XVI. hat brav und bravourös seine Pflicht erfüllt und gesagt, was gesagt werden musste. Wer immer noch Zweifel an der inneren Grundeinstellung des 82-jährigen Kirchenoberhauptes zum Judentum und zum Staat Israel gehabt haben sollte, dürfte eines Besseren belehrt worden sein.

Malte Lehming

W enn ein Papst, der aus Deutschland stammt, in der Hitlerjugend war und vor einigen Wochen einen erzkonservativen Holocaust-Leugner rehabilitieren wollte, wenn dieser Papst nun nach Israel fährt und in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem eine Rede hält, was soll er dann anderes tun, als den Antisemitismus so vehement wie nur irgendmöglich zu verurteilen und ebenso die Schoah, die Ermordung von sechs Millionen Juden im Zweiten Weltkrieg, ein Verbrechen, das sich selbstverständlich nie wieder wiederholen dürfe? Insofern hat Benedikt XVI. brav und bravourös seine Pflicht erfüllt. Er hat gesagt, was gesagt werden musste und durchaus auch schon von anderen gesagt worden war. Wer immer noch Zweifel an der inneren Grundeinstellung des 82-jährigen Kirchenoberhauptes zum Judentum und zum Staat Israel gehabt haben sollte, dürfte eines Besseren belehrt worden sein.

Was aber folgt aus dieser Bekenntniskultur? Aus deutscher Tradition wissen wir: nicht viel. Eigentlich folgte schon fast alles daraus – der Protest der 68er gegen ihre Eltern, die Verachtung angeblich „deutscher“ Tugenden wie Pünktlichkeit und Fleiß, der Pazifismus, der Atheismus, ein großzügiges Asylrecht, die Ablehnung der Wiedervereinigung, der Kosovokrieg. Kurzum: Aus Auschwitz hat stets jeder seine eigene Lektion gezogen. Das Erinnerungsritual wurde nach Belieben instrumentalisiert. Das lässt das Publikum heute selbst aufrichtig gemeinte Worte mit etwas Skepsis vernehmen, wofür wiederum Papst Benedikt nichts kann, was aber als Resonanzraum seiner Rede bedacht werden muss. Das Selbstverständliche zu betonen, entwertet es in seiner Selbstverständlichkeit. Diesem Dilemma entkommt keiner.

Jede Konkretion wiederum steht im Verdacht, das Einzigartige relativieren zu wollen. Dabei weiß inzwischen jeder, dass der Tod nicht nur ein Meister aus Deutschland ist, sondern sich auch überall sonst auf unserer mörderischen Welt heimisch fühlen kann. Darf der Papst in Jad Vaschem namentlich auch den Antisemitismus in der arabisch-muslimischen Welt beklagen oder den Völkermord in Darfur? Dann, ja dann hätte die Welt wohl länger als für 24 Stunden aufgehorcht.

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