Meinung : Benzinpreise: Bis auf den letzten Kilometer

Benzin - ist das jetzt nicht wirklich zu teuer geworden? Dagegen kann man etwas tun, meint der Wirtschaftsminister. Zum Beispiel das nächste Mal vor Ostern nicht erst am Gründonnerstag tanken. Recht hat der Mann. Es weiß doch jeder, dass sich die Mineralölkonzerne bei jeder Reisewelle gerne auch ein paar Mark in die eigenen Kassen spülen lassen. Weniger fahren, das geht auch, oder weniger schnell fahren. Und, als letztes Mittel: Warten, bis die Preise wieder sinken. Wem das alles nicht passt, kann ja mit der Bahn fahren, oder?

Oder eben nicht. Ausgerechnet an dem Tag, an dem die Benzinpreise in Deutschland auf ein neues Rekordhoch stiegen, gab es auch über die Bahn AG nicht viel Gutes zu berichten, jedenfalls nicht aus Sicht ihrer fahrenden Kunden. Viele Millionen Zugkilometer werden beim Interregio aufgegeben und nur zum Teil vom Nahverkehr übernommen. Der ganz große Stillstand sei zwar noch nicht beschlossen, heißt es im Verkehrsministerium, aber das noch klingt nicht sehr beruhigend. Außerdem wird im nächsten Jahr wohl der große Bahncard-Preisvorteil gekappt. Aber das spielt für eine Familie, die sich heute ausrechnen lässt, was sie ein Ausflug auf Schienen kostet, ohnehin schon keine Rolle mehr. Also lieber doch mit dem Auto?

Die Deutschen sind sauer. Da sollen sie mobil sein in dieser modernen Gesellschaft, und schnell natürlich, auch flexibel. Aber dann halten eben jene, die das von ihnen erwarten, der Staat und die Wirtschaft, immer ungenierter die Hand auf. Die Menschen müssen fahren, und sie haben dabei keine echte Wahl. Sie können kaum nach Belieben umsteigen vom Auto auf die Bahn und zurück. Sie brauchen, in aller Regel, für die Wechselfälle des Lebens beides. Aber die Bahn hat auf der Schiene noch keine Konkurrenz, und auf der Straße, wo Esso, Shell und Aral mit dem jeweils billigsten Preis um Kunden buhlen könnten, kostet das Benzin verblüffend genau dasselbe.

Da liegt der Verdacht von Preisabsprachen nahe. Bundeswirtschaftsminister Werner Müller sagt, er habe das gleich nach dem Osterschreck geprüft. Sein Ergebnis: Die Rekordpreise sind nicht einer Abzockerei der Konzerne geschuldet, sondern die Folge eines ganz normalen Marktverhaltens. Scheinbar schafft die Mineralölindustrie, was niemandem sonst gelingt: Bei ihr fallen die Rekorde von selbst. Auch ein Kunststück - aber sicher keines, das mit verbundenen Augen funktioniert. Wenn die Bahn unrentable Strecken schließt, ist das ebenfalls ein ganz normales Marktverhalten. Die Firma Bahn ist ja nicht dem allgemeinen Wohlbefinden verpflichtet, sondern ihrem Eigentümer, dem Bund. Und der erwartet Profit. Die Streckenlücken dürfen dafür heute neue Unternehmen schließen. Wenn sie es sich leisten können.

So weit, so unbefriedigend. Der Bundeskanzler wird aus Erfahrung hoffen, dass die große Aufregung sich schon wieder legen wird. Tun könne er leider nichts, sagte er am Freitag. Tatsächlich: Schröder kann keine Regierungstankstelle eröffnen, die den Sprit nur zum Steuerpreis abgibt. Er kann auch nicht die Bahn AG abstoßen und eine neue Staatsbahn gründen. Aber wenn der Benzinpreis nicht zur Ruhe kommt, wird Schröder über die Ökosteuer nachdenken - müssen. Sie hat dazu geführt, dass die Konzerne im Windschatten der Regierung immer noch ein paar Pfennig mehr verlangen. So leistet auch Schröder seinen Beitrag zum Profit der Konzerne. Und wenn nicht andere Betreiber die von der Bahn aufgerissenen Lücken im Schienennetz schließen, wird der Bundeskanzler auch über die Bahnreform nachdenken müssen. Denn ganz so hilflos, wie sie manchmal tut, ist die Politik nicht.

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