Berliner Immobilienmarkt : Verlockt, verzockt

Die Bundesbank warnt zurecht: Die Spekulation mit Immobilien in Berlin birgt große Risiken - für die Mieter und die Eigentümer

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Seit Januar müssen Berliner bei einer 300 000-Euro-Wohnung mit bis zu 45 000 Euro für die Kaufnebenkosten rechnen.
Seit Januar müssen Berliner bei einer 300 000-Euro-Wohnung mit bis zu 45 000 Euro für die Kaufnebenkosten rechnen.Foto: imago

Das böse Wort von der „Blase“ haben sie nicht in den Mund genommen, die salomonischen Bundesbanker. Aber falls die Blase platzt, werden sie behaupten können: „Sagt nicht, wir hätten euch nicht gewarnt!“

Von den viel zu teuren Miethäusern und Eigentumswohnungen in Großstädten ist hier die Rede, deren Verkaufspreise den tatsächlichen Wert um 25 Prozent übersteigen. Für Berlin gilt das auch – gerade für Berlin. Die Bundesbanker warnen zum zweiten Mal in zwei Jahren. Es wird nicht das letzte Mal sein.

Denn die Nachfrage nach der eigenen Wohnung in der Hauptstadt ist ungebrochen. Es sind die Pensionäre aus dem Westen des Landes, die ihre zinslosen Festgeldkonten räumen und am Berliner Hype teilhaben wollen: Weil sie die Stadt kennen, weil ihre Kinder oder Enkel hier studieren oder zum digitalen Prekariat der Stadt gehören. Es sind aber auch Italiener und Griechen, die ihr Kapital außer Landes bringen, wo der Fiskus nach Vermögenswerten greift, um die Wirtschaftskrise zu bewältigen. Und es ist Geld aus Israel, den USA und Großbritannien, wo die deutsche Hauptstadt an Paris und London gemessen wird – im Vergleich zu diesen Metropolen sind Immobilien in Berlin lächerlich günstig.

Aus der Ferne betrachtet mag das so erscheinen, zumal Berlin an die europäische Spitze drängt, jedenfalls bei den Tourismuszahlen. Auf die wirtschaftliche Realität der Berliner Haushalte hat sich diese Entwicklung aber kaum niedergeschlagen. Mehr als jeder zweite Haushalt in der Stadt hat Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein – weil sein Einkommen zu niedrig ist, um sich die Mieten am freien Markt leisten zu können. Wer weiß schon, dass die Einkommen in Berlin auf dem Niveau von Mittelstädten im Ruhrpott liegen.

Und wer will das schon hören, wenn er genug Eigenkapital hat und die niedrigen Hypothekenzinsen zum Zocken am Immobilienmarkt verlocken. Weil die Börse mit ihren Schwankungen und periodischen Zusammenbrüchen fast schon zum kollektiven Trauma der deutschen Anleger geworden ist, investieren sie eben in „Sachwerte“. Irgendeinen Mieter wird man in der wachsenden Hauptstadt schon finden, so das Kalkül.

Fast täglich erreichen diese Zeitung deshalb Mails von verstörten Berlinern, die über drastische Mieterhöhungen neuer Hauseigentümer klagen. Die Beispiele zeigen, wie groß der Druck des Kapitals ist: Einstweilen rechnen sich die Immobiliengeschäfte nur durch „Entmietung“. Die Gentrifizierung greift um sich und macht zurzeit Station in den Stadtteilen Neukölln und Lichtenberg.

Auf die Dauer kann das nicht gut gehen, weil der Renditedruck der wirtschaftlichen Realität vor Ort nicht Rechnung trägt. Marktforscher warnen: Die Wohnungspreise nehmen die Wertentwicklung der nächsten zehn Jahre vorweg. Wenn in dieser Zeit die Zinsen steigen, wird das Kapital aus den teuren und wenig rentablen Berliner Wohnimmobilien abgezogen. Und wer sich selbst hoch verschuldet hat beim Kauf der eigenen vier Wände, dem droht womöglich die Privatinsolvenz. Denn so schnell wie sich der Wind auf den Finanzmärkten dreht, steigen Löhne und Gehälter am Berliner Arbeitsmarkt nicht.

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