Berliner Koalition : Schwarzarbeit der Roten

In der Hauptstadt zeigt die Linkspartei, dass sie für die Macht viel zu zahlen bereit ist. So erträgt sie gar die Bohlen'schen Sprüche Sarrazins stillschweigend.

Gerd Nowakowski

Der lässt sich nicht den Mund verbieten. Der Takt von Sarrazins Sprüchen wird immer schneller, entgegen allen Bitten etwa des Regierenden Bürgermeisters, entgegen allem Bangen des Koalitionspartners, der Linken. Oder gerade wegen der Linken. Die will ihm am liebsten einen Maulkorb verpassen. Ob Sarrazin über Hartz-IV-Menüs oder Schwarzarbeit räsoniert, ob er launig die Qualität von Berlins Schulen niedermacht: der Dieter Bohlen der Berliner Politik – das soll jetzt wirklich ein Kompliment sein – mischt sich unterschiedslos in jedes Thema ein, da kennt er weder Parteifreund noch Ressortgrenzen. Berlins Finanzsenator treibt es auf die Spitze; fast könnte man glauben, er sei des Amtes wirklich müde und auf dem Sprung zum geruhsamen Job in der Bundesbank.

Mancher in der rot-roten Regierungskoalition wünschte ihn dorthin, und verwünschen tun ihn wohl täglich die Senatoren der Linken. Sie kommen in der Politik überhaupt nicht mehr vor, oder nur mit handwerklich schlecht gemachten und vom Gestus einer Erziehungsdiktatur umwehten Projekten wie der Umweltzone oder Rauchverbot. Dagegen steht Sarrazin mitten im Leben, der erfolgreichste Senator, dem selbst der politische Gegner aus Bayern, CSU-Minister Thomas Goppel, erst gestern Anerkennung zollte, weil er Berlin vom Schuldenhallodri zum finanzpolitischen Musterknaben trimmte.

Thilo Sarrazin hat eine Mission, er kämpft gegen jedes Sich-gemütlich-Einrichten im Prekariat, erinnert daran, dass Hartz IV nicht Dauerzustand sein sollte, sondern Ansporn, schnellstmöglich wieder Arbeit anzunehmen. Aus dieser Sichtweise heraus ist es Sarrazin lieber, ein Arbeitsloser arbeitet schwarz, als dass er träge vor der Glotze hockt. Das hat Sprengkraft für Rot-Rot. Darum darf sich Wowereit kümmern; Sarrazin ist nur so lange stark, wie der Regierungschef seinen besten Mann schützt.

An der Sollbruchstelle Sarrazin aber zeigt sich mehr. Die nahezu schweigend leidende Linkspartei offenbart, was für einen Preis sie zu zahlen bereit ist für den Platz am Regierungstisch. Die SPD hat vorgemacht, wie die Linke erfolgreich eingebunden werden kann in Realpolitik, ungeachtet allen Barrikadenstürmerschwungs im Westen. Das Berliner Bündnis hält selbst die Sarrazin-Sprüche aus. Diese Milieustudie aus Berlin dürfte für den SPD-Bundesvorsitzenden Kurt Beck lehrreich und nützlich sein. Immerhin ist die Linke in Berlin dem heftigen Druck ihres Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine ausgesetzt. Der drängt seine Genossen, endlich klares soziales Profil zu zeigen statt mit der SPD zu kuscheln. Was draus wird, das werden die Berliner noch erleben – wenn im öffentlichen Dienst trotz des bis Ende 2009 geltenden Solidarpakts mit Streik gedroht wird, wenn Müllmänner und Busfahrer auf die Straße gehen wollen.

Noch hält sich Sarrazin für seine Verhältnisse sprachlich gerade dort zurück, wo er zuständig ist: den Gehältern und den Finanzen einer Stadt, die es gerade geschafft hat, ohne neue Schulden auszukommen. Wenn es ihm nicht gelingt, jede Tarifzulage abzuwehren und Berlin weiterhin solides Haushalten zu verordnen, dann ist Sarrazin wirklich am Ende mit seinem Job. Bis dahin aber hat er Redefreiheit.

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