Berliner Perspektiven : Die Krise – welch Glück

Jede Krise eröffnet neue Chancen. Manchmal ist eine Krise sogar ein großes Glück. Für Berlin zum Beispiel. Es sieht so aus, als wenn der Kollaps des Finanzmarkts, der die gesamte Wirtschaft in Schieflage versetzt, ausgerechnet die arme Hauptstadt nach vorn bringen könnte.

Ulrich Zawatka-Gerlach

Jede Krise eröffnet neue Chancen. Manchmal ist eine Krise sogar ein großes Glück. Für Berlin zum Beispiel. Es sieht so aus, als wenn der Kollaps des Finanzmarkts, der die gesamte Wirtschaft in Schieflage versetzt, ausgerechnet die arme Hauptstadt nach vorn bringen könnte. Nicht von heute auf morgen, aber doch in absehbarer Frist – und das hat nichts mit Wunderheilung zu tun, sondern mit einigen Besonderheiten Berlins, die aus seiner schwierigen Geschichte resultieren.

Zweimal wurde der industrielle Kern der Stadt fast unwiederbringlich zerstört. Am Ende des Zweiten Weltkriegs und, vor allem im Osten, nach dem Mauerfall. Zeitweilig sah es so aus, als könnte Berlin allenfalls als begehrtes Touristenziel überleben. Eine Dienstleistungsruine mit Kanzleramt, kaum fähig zu messbarem Wachstum. Das hat sich geändert. Seit einigen Jahren keimt in Berlin eine mittelständisch geprägte, forschungsintensive Zukunftsindustrie. In der Gesundheitsbranche, mit Solarzellen oder neuen Verkehrstechnologien werden neue Werte geschaffen. Es baut sich still und heimlich eine stabile Ökonomie auf, die krisenfester ist als die Standorte der klassischen Großindustrie, sei es in Bayern oder Nordrhein-Westfalen, die um ihr Überleben kämpfen.

Es regnet goldene Kleider

Hilfreich ist auch, dass die Berliner Wirtschaft nur in geringem Maße vom Export lebt. Ein Zentrum der Finanzwelt ist die Stadt seit Kaisers Zeiten nicht mehr. Beides kann man bedauern – aber doch nicht in diesen Tagen. Und vielleicht ist es zynisch, das zu sagen: In der Hauptstadt der Hartz-IV-Empfänger kann es, die soziale Lage der Bevölkerung betreffend, nur noch aufwärtsgehen. Da kann die Krise hoffentlich Menschen mobilisieren und Kräfte bündeln. Geld genug ist dafür da, dank staatlicher Konjunkturprogramme. Die kommen zwar allen Ländern zu, aber der Stadtstaat Berlin kann den strategischen Vorteil kurzer Wege nutzen, während sich die großen Flächenländer mit eifersüchtigen Kommunen um die Verteilung der Investitionsmilliarden streiten.

Noch vor einem halben Jahr sah es so aus, als wenn sich die Kummer gewohnten Hauptstädter mit verrottenden Schulen, Schwimmbädern, Krankenhäusern und Straßen auf lange Zeit arrangieren müssten. Der Rückstau an unbedingt notwendigen Sanierungsmaßnahmen wurde 2008 auf mehr als zwei Milliarden Euro geschätzt. Eine Herausforderung, die das rekordverschuldete Berlin in 20 Jahren nicht hätte bewältigen können. Aber jetzt steht das Aschenputtel unterm Haselbaum und es regnet goldene Kleider. 632 Millionen Euro darf Berlin innerhalb von zwei Jahren für die Reparatur und energetische Sanierung seiner maroden Infrastruktur ausgeben.

Das ist ein Sprung nach vorn, allerdings nur, wenn der rot-rote Senat seine spätwinterliche Lustlosigkeit abstreift und die einmalige Gelegenheit zur nachhaltigen Modernisierung des öffentlichen Raums schnell entschlossen nutzt. Zumal das Konjunkturprogramm II für die vielen kleinen und mittleren Handwerks- und Baubetriebe in der Region Berlin-Brandenburg wie maßgeschneidert ist. Es wird die Auftragsbücher in schwerer Zeit füllen und Arbeitsplätze sichern, befristet vielleicht sogar neue schaffen. Naiv sollte man trotzdem nicht sein. Die tiefe Krise wird auch in Berlin in den kommenden zwei, drei Jahren Werte vernichten und Wachstum kosten. Aber die Stadt kann, wenn es Politik und Wirtschaft schlau anstellen, ganz neue Kräfte daraus schöpfen.

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