Berlins Museen : Die billige Variante

Berlin bekommt ein Museum der Moderne. Ein Leitartikel zur Machbarkeitsstudie der Stiftung Preußischer Kulturbesitz

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Im Hinterhof von Mies van der Rohe. Hier an die Sigismundstraße soll der Neubau hin, schräg gegenüber der St. Matthäuskirche. So empfiehlt es die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Kulturstaatsministerin Grütters bevorzugt einen Neubau an der Potsdamer Straße.
Im Hinterhof von Mies van der Rohe. Hier an die Sigismundstraße soll der Neubau hin, schräg gegenüber der St. Matthäuskirche. So...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Gemäldegalerie bleibt, jubeln die einen. Die Gemäldegalerie ist der Verlierer, trauern die anderen, allen voran ihr Chef Bernd Lindemann. Wer hat denn nun im Berliner Museumsstreit gewonnen, wer hat das Nachsehen? Die Machbarkeitsstudie ist da. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz möchte nun doch keinen Neubau für die Alten Meister am Bode-Museum mehr, sondern ein Haus für die Kunst des 20. Jahrhunderts hinter der Neuen Nationalgalerie.

Das ist erst einmal gut für die Kunst der Moderne. Sie braucht in Berlin den Platz, der ihr gebührt, in jener Stadt, in der sie maßgeblich entstand – um von den Nationalsozialisten ebenso gründlich verfemt zu werden. Kirchner, Grosz, Max Ernst raus aus den Depots: eine Selbstverständlichkeit, eine seit Jahrzehnten überfällige Würdigung und Wiedergutmachung. Die Surrealisten-Sammlung Pietzsch ist für Berlin damit ebenfalls gerettet. Und auch die Haushälter werden sich freuen, denn auf den Bund kommen mit 130 Millionen Euro nur gut ein Drittel der Kosten zu, die bei der großen Rochade fällig wären.

Aber ist die ökonomische Lösung auch gut für den Kunststandort Berlin? Zumal für die Alten Meister, die letztes Jahr so engagierte Fürsprecher fanden? Rembrandt, Rubens und Raffael bleiben nun in jenem Museum am Kulturforum, das vor 15 Jahren eigens für sie errichtet wurde. Aber sie bleiben auch dort, wo sie wenig besucht den Dornröschenschlaf schlafen. Der Traum von den drei großen, attraktiven, klar profilierten Kunststandorten – die Museumsinsel als Louvre Berlins, mit der Kunst der Antike bis zum 19. Jahrhundert samt einer Mischpräsentation von Malerei und Bildhauerei als Herzstück, das Kulturforum als Zentrum für die Kunst des 20. Jahrhunderts, der Hamburger Bahnhof für das 21. Jahrhundert – dieser Traum ist perdu, ein für allemal.

Hermann Parzinger, Chef der Preußen-Stiftung, spricht von der Pflicht, für die Sammlungen das Beste „im angemessenen zeitlichen Rahmen“ zu realisieren. Bedeutet „angemessen“ jetzt: schnelle Weiterentwicklung statt kluge Neuordnung, Mies-Bau-Erweiterung statt Masterplan, Variante statt Vision?

Bitte realistisch bleiben, sagen die Hüter der Museumsschätze nun. Das klingt seltsam aus ihrem Munde, denn sie sind es, die vor lauter Visionen über Jahre Realitätssinn vermissen ließen. Seinerzeit hatten sie auf den Gemäldegalerie-Bau bestanden, obwohl sich mit dem Mauerfall die gesamtstädtische Lage der Kunst radikal verändert hatte. Trotzdem wurde gleich wieder die Umquartierung der Alten Meister geplant. Das verstehe, wer will. Umso mehr hat die Preußenstiftung es versäumt, unermüdlich für den kostspieligen Masterplan zu werben, einschließlich der Bitte um Geduld und Neubau-Gelder trotz all der anderen Museumssanierungsmaßnahmen. Jetzt macht sie gute Miene zur neuen Bescheidenheit – die sie sich selber eingebrockt hat.

Die Stiftung ist bekanntlich auch oberster Schlossherr. Die Diskussionsführungsschwäche von Parzinger und Co. ist kein gutes Omen für die bald anstehende öffentliche Meinungsbildung etwa zu absehbaren Kostensteigerungen in der Schlossbauzeit und zur konkreten Ausgestaltung des Humboldtforums.

Verloren hat auch das Kulturforum. Die Hoffnung, mit einem Neubau nicht hinter, sondern neben dem Mies-van-der-RoheBau das Dilemma dieser zentralen Stadtbrache zu lösen, ist mit dem rückwärtigen Standort an der Sigismundstraße zunichte gemacht. Wieder heißt es: Kostenfaktor! Schlafen auch die Neuen Meister in der Seitenstraße bald den Dornröschenschlaf? Stimmt schon, die Preußenstiftung kann nicht die städtebaulichen Probleme Berlins lösen. Aber ihre Häuser, zu der auch Scharouns Staatsbibliothek gehört, sind neben Philharmonie und Matthäikirche wesentlich für das Areal, ja, sie sind das Kulturforum. Daraus erwächst eine Verpflichtung, aus der sich die Stiftung nicht herausstehlen kann. Schon gar nicht, indem sie den Haupteingang der Gemäldegalerie zur Nebenstraße verlegt, auf dass das Kulturforum noch mehr verwaist. Wir sind die Kunst, die Stadt ist uns egal? Am Ende wird der Bund die Stiftung an ihre gesellschaftliche Verantwortung erinnern müssen – und daran, dass die billigste Lösung nicht die günstigste ist.

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