Meinung : Beruf als Berufung

Mit Angela Merkel kehrt ein protestantisch-nüchterner Politikertyp zurück, wie ihn vor 100 Jahren Max Weber beschrieb

Bernhard Schulz

Dass sie „Deutschland dienen“ wolle, wie Angela Merkel im Wahlkampf erklärte, war eine für sie eher unpassende Aussage. Nicht, dass diese in ihrer Substanz anzuzweifeln wäre; aber es derart auszusprechen, stimmte nicht mit ihrem nüchternen Auftreten überein. Wenn schon Gerhard Schröder „kein Pathos“ kann, wie er gern betonte – die Kanzlerin kann es erst recht nicht, und noch nicht einmal mit jener augenzwinkernden Ironie, die ihrem Vorgänger zu Gebote stand.

Angela Merkel ist ein nüchterner Berufsmensch. Damit ist nicht so sehr ihr erlernter Beruf als Physikerin gemeint, der zu wiederholten Assoziationen mit ihrem politischen Auftreten Anlass gab, als vielmehr ihr Ethos. Es ist das des modernen Berufsmenschen, wie ihn Max Weber seit der Reformation sich herausbilden sah. Webers epochale Studie „Die protestantische Ethik und der ,Geist’ des Kapitalismus“ ist 100 Jahre alt. Ihr erster Teil erschien im November 1904, der zweite mit dem Untertitel „Die Berufsidee des asketischen Protestantismus“ im Juni 1905, beide in dem von ihm mitherausgegebenen „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“. Es war also keine öffentlichkeitswirksame, sondern eine fachspezifische Publikation. Und doch hat sie das Bewusstsein des anbrechenden 20. Jahrhunderts kaum minder geprägt als etwa Sigmund Freuds kurz zuvor erschienene „Traumdeutung“.

Weber geht von der seinerzeit – kurz nach Ende des „Kulturkampfes“! – brisanten Beobachtung eines „ganz überwiegend protestantischen Charakters des Kapitalbesitzes und Unternehmertums“ aus. Er fragt sodann nach den Ursachen der „besonders starken Prädisposition der ökonomisch entwickeltsten Gebiete für eine kirchliche Revolution“, also die Reformation. Und er stellt fest, dass „die Beseitigung der kirchlichen Herrschaft über das Leben“ lediglich eine andere Form hervorbrachte, „und zwar die Ersetzung einer höchst bequemen, praktisch damals wenig fühlbaren, vielfach fast nur noch formalen Herrschaft durch eine im denkbar weitgehendsten Maße in alle Sphären des häuslichen und öffentlichen Lebens eindringende, unendlich lästige und ernst gemeinte Reglementierung der ganzen Lebensführung“. Es besteht eine „innere Verwandtschaft“ zwischen protestantischem Glauben und modernem Kapitalismus, nicht im Sinne einer kausalen Bedingung, sondern eines historischen und als solchen von Zufällen abhängigen Prozesses. Weber spricht von der „Kulturbedeutung“ des Protestantismus. Im Laufe der Zeit lösen sich die Errungenschaften der protestantischen Ethik – Berufsmenschentum und Berufsehre – von ihren theologischen Voraussetzungen ab, werden „verweltlicht“ und zu Normen für jedermann.

Mit Webers Protestantismus-These fand der liberale Kapitalismus zu seinen historischen Wurzeln. Es wurde deutlich, dass der Kapitalismus, verstanden als umfassende Berechnung allen Wirtschaftens, nicht einer abstrakten Vernunft entsprungen war, sondern einem spezifischen geschichtlichen Prozess. Mit Webers, immer wieder von wissenschaftlichem Erstaunen geprägten Worten: „Welche Verkettung von Umständen hat dazu geführt, dass gerade auf dem Boden des Okzidents, und nur hier, Kulturerscheinungen auftraten, welche doch in einer Entwicklungsrichtung von universeller Gültigkeit lagen?“

Es geht also um einen singulären Vorgang, der sich seither als universalhistorische Tendenz über den Erdball verbreitete. Und mit einem, gleichwohl hartnäckigen, Missverständnis räumt Weber auf: „,Kapitalismus’, ,kapitalistische’ Unternehmungen“ habe es „in allen Kulturländern der Erde gegeben“. Weber verwendet den Ausdruck des „Raubkapitalismus“. Jedoch „,Erwerbstrieb’, ,Streben nach Gewinn’“ habe „an sich mit Kapitalismus gar nichts zu schaffen. Schrankenloseste Erwerbsgier ist nicht im mindesten gleich Kapitalismus, noch weniger gleich dessen ,Geist’“. Kapitalismus könne im Gegenteil identisch sein „mit Bändigung, mindestens mit rationaler Temperierung, dieses irrationalen Triebes“. An dessen Stelle tritt das „Streben nach immer erneutem Gewinn: nach ,Rentabilität’“.

Dieser Prozess ist der der allmählichen Rationalisierung des Glaubens, vor allem in den extremeren Spielarten des Protestantismus wie etwa dem Calvinismus. Die „Entzauberung der Welt“, dieses Leitmotiv der abendländischen Geschichte, erreichte auch den christlichen Glauben. Luthers bange Frage nach dem gnädigen Gott erfuhr alsbald eine höchst diesseitige Antwort: Nicht durch rituelle Handlungen, nicht durch Werke war er zu gewinnen – sondern durch eine als gottgefällig geadelte Lebensführung. Die Vertiefungen, die diese Grundannahme etwa in der calvinistischen Prädestinationslehre und bei den englischen Puritanern erfuhr, wurden zum Gegenstand der Weberschen Analyse – und daraufhin endloser wissenschaftlicher Kontroversen.

Über alle Fachzweifel jedoch erhaben ist Webers Begriff der „Ethik der Berufspflicht und der Berufsehre“, die sich aus den theologischen Disputen des 16. und 17. Jahrhunderts herausschälte und im 19. zu ihrer vollen Entfaltung gelangte. Es ist die spezifische Ethik des Bürgertums. Sie ist ihrerseits ein Ergebnis von Rationalisierung, indem die einst brennende Frage der göttlichen Auserwähltheit keine Rolle mehr spielt, sondern der berufliche Erfolg nun um seiner selbst willen gesucht und anerkannt wird. „Einer der konstitutiven Bestandteile des modernen kapitalistischen Geistes, und nicht nur dieses, sondern der modernen Kultur: Die rationale Lebensführung auf Grundlage der Berufsidee ist geboren aus dem Geist der christlichen Askese“, fasst Weber den Gang durch die Geschichte zusammen. Die theologischen Wurzeln, Ursache ungeheurer Kämpfe in der frühen Moderne, verdorren. Es bleibt das Konzept der „rationalen Lebensführung“: „Indem die Askese die Welt umzubauen und in der Welt sich auszuwirken unternahm, gewannen die äußeren Güter dieser Welt zunehmende und schließlich unentrinnbare Macht über die Menschen, wie niemals zuvor in der Geschichte. Heute ist ihr Geist aus diesem Gehäuse entwichen. Der siegreiche Kapitalismus jedenfalls bedarf dieser Stütze nicht mehr.“

Weber entgegen hielt dessen Antipode Werner Sombart stets die Genussfreude des Renaissance-Kapitalismus, den Luxus und die Moden seit den Medici, als Triebfeder der wirtschaftlichen Entwicklung. Aus der Perspektive des Jahres 2005 und einer unter denkbaren unpathetischen Vorzeichen begonnenen rot-schwarzen Koalition will es scheinen, als ob sich beide Aspekte der Kapitalismus-Genese wie im Zeitraffer in unserer jüngsten Vergangenheit gebündelt hätten. Dabei erwies sich die Konsumsucht der New Economy ums Jahr 2000 herum weniger als Triebfeder denn als gigantischer Bluff. Was wir seither erleben, ist eine rasante Rückkehr zum Weberschen Ethos, wie man es sich seit dem Aufbruch, wenn nicht gar Ausstieg aus der Arbeitsgesellschaft gegen Ende der 60er Jahre schlichtweg nicht mehr vorstellen konnte.

Angesichts von fünf Millionen registrierten Arbeitslosen und einer nach weiteren Millionen zählenden Heerschar von Teilzeitbeschäftigten ist Arbeit zum höchsten Gut von Gesellschaft und Politik avanciert – erneut, wie man mit Blick auf die wechselvolle Geschichte der Moderne festhalten muss. Die Freizeitgesellschaft, die Merkels Vor-Vorgänger Helmut Kohl trefflich als „kollektiven Freizeitpark“ schmähte, ist mit einem Mal unendlich weit in die Ferne gerückt. Mit der Arbeit ist auch ihr Ethos zurückgekehrt, denn der gesellschaftliche Rang, der der entgeltlichen Beschäftigung zugemessen wird, bedarf der Ausfüllung und Legitimation durch die innere Einstellung des Berufstätigen. Das ist, mit Weber betrachtet, keinesfalls selbstverständlich. Denn die „der Eigenart des Kapitalismus angepasste Art der Lebensführung und Berufsauffassung“, schreibt der Mitbegründer der Soziologie, „hat sich in schwerem Kampf gegen eine Welt feindlicher Mächte durchzusetzen gehabt“.

Diese „Mächte“ sind heute, anders als in der von Weber untersuchten Epoche, nicht mehr religiös-ideologischer Natur, sondern von seelischer Notwendigkeit: Wer ohne Beruf oder auch nur Job dasteht, ist der gesellschaftlichen Teilhabe weitgehend beraubt. In dieser sozialen Stigmatisierung mag man den fernen Widerschein jener religiösen Ächtung erkennen, die einst den Untätigen traf. „Nicht Arbeit an sich“, resümiert Weber die Dispute der Puritaner, „sondern rationale Berufsarbeit ist das von Gott Verlangte. Auf diesem methodischen Charakter der Berufsaskese liegt bei der puritanischen Berufsidee stets der Nachdruck.“

Mit der neuen Wertschätzung der Arbeit kehrt auch die des Berufes zurück. Der bloße Job im Sinne der bloßen Gelderwerbsquelle ohne weiter gehende Motivation reicht nicht länger aus, die – allein schon zeitlich – wachsende Zentrierung auf das Arbeitsleben zu rechtfertigen. „Interessen (materielle und ideelle), nicht: Ideen, beherrschen unmittelbar das Handeln der Menschen“, schrieb Weber 1920 kurz vor seinem Tod, um die leidige Frontstellung gegenüber Marx und dem Materialismus aufzubrechen, in die ihn Missdeutungen seiner Kritiker gebracht hatten. „Aber: die ,Weltbilder’, welche durch ,Ideen’ geschaffen wurden, haben sehr oft als Weichensteller die Bahnen bestimmt, in denen die Dynamik der Interessen das Handeln fortbewegte.“

Im „Weltbild“ des „rationalen Betriebskapitalismus“ zählt jenes Ethos, das aus dem Beruf eine Berufung macht. Das „Erwerben als Zweck seines Lebens“, das Pendant zur subjektiven Berufung, tritt im entfesselten Kapitalismus der globalisierten Welt wieder deutlich vor Augen. Nicht der Schrödersche Genussmensch mit Rotwein und Cohiba hat darauf die Antwort – oder besitzt auch nur die gemäße Haltung –, sondern der Berufsmensch mit seiner „systematisch durchgebildeten Methode rationaler Lebensführung“, wie ihn die protestantische Pfarrerstochter Merkel in ihrer so gänzlich unpathetischen, aufs Praktische gerichteten Art verkörpert. Es ist eine solche „berufsmäßige“ Lebensführung, die Weber mit dem Begriff der „innerweltlichen Askese“ versieht.

Nichts könnte auf den ersten Blick dem heutigen Konsumdenken ferner stehen. Und doch – wo der Konsum angesichts von Hartz IV schneller schal wird, als Werbestrategen wünschen, tritt das von Weber in seinem religiösen Ursprung erkannte Motiv der Befriedigung aus der Lebensführung als solcher wieder ans Licht. Die lange Zeit gehegten Alternativmodelle einer von Arbeit losgelösten Gesellschaftsform erscheinen aus der Perspektive des ausgehenden Jahres 2005 als Glasperlenspiele von Wohlstandsübersättigten.

„Deutschland dienen“ wäre ein solches, nur eben ins Pathetische überhöhte Motiv der um ihrer selbst willen bewältigten Lebensführung. Die entsprechende Arbeitsleistung ist wohl tatsächlich nur mit „innerweltlicher Askese“ zu bewältigen. Angela Merkels vermeintliche Unscheinbarkeit, diese von der Öffentlichkeit mit rasch wachsenden Sympathiewerten bedachte Sachlichkeit im Auftreten entspricht Webers „,Idealtypus’ des kapitalistischen Unternehmers“, der „den unnötigen Aufwand ebenso scheut wie den bewussten Genuss seiner Macht und die ihm eher unbequeme Entgegennahme von äußeren Zeichen der gesellschaftlichen Achtung, die er genießt“. Hat man bei Letzterem nicht Merkels stets verhaltene Besuche bei der Festgemeinde von Bayreuth vor Augen?

Und doch täte Max Weber Unrecht, wer ihn als bloßen Apologeten eines seiner religiösen Ursprünge gewissermaßen entideologisierten Kapitalismus deutete. Das „Gehäuse“ des Kapitalismus sah er mit überaus kritischen Augen. Berühmt sind seine prophetischen Worte am Ende seiner Studie, was am Ende dieser „ungeheuren Entwicklung“ stehen werde. Dann, schließt Weber, „könnte für die ,letzten Menschen’ dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: ,Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz: Dieses Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben’“. Auch das sind Worte, die in der Fixierung auf die Arbeits- und Berufswelt als Zentrum des gesellschaftlichen Zusammenhaltes nicht übersehen werden dürfen.

Mit der großen Koalition kehrt die Nüchternheit des Berufsmenschentums, die in die Alltagsrealität seit längerem eingesickert ist, in die Politik zurück. Die Kanzlerin ist ihr Symbol – und zugleich ihre Verkörperung. Dass der Beruf in der religiösen Berufung wurzelt, ist bei ihr allenfalls noch biografisch am Pfarrelternhaus zu erahnen. Sie steht mit ihrem von Beruf und Berufung erfüllten Lebensweg für die „Rationalisierung“ die Max Weber beobachtet hat. Seine „protestantische Ethik“ ist so aktuell wie nur je in den 100 Jahren seit ihrer Erstveröffentlichung.

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