Bestandsaufnahme : Wir sind am Limit

Lenas Triumph und das präsidiale Desaster. Die Regierung taumelt in ihre Klausur, und das Volk hofft auf die WM: Ein Gefühl macht sich breit, als könnten nun jederzeit alle Dämme brechen.

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Die Regierung steht vor wichtigen Entscheidungen: Angela Merkel. Foto: AFP
Die Regierung steht vor wichtigen Entscheidungen: Angela Merkel.Foto: AFP

Das hätte sich vor kurzem doch niemand träumen lassen. Keine Bischöfin Käßmann mehr, kein Ballack bei der WM, kein Koch demnächst in Hessen, und sogar ein Bundespräsident ist eben mal weg, für immer. Jetzt könnten außer dem Papst nur noch Lena, Angela Merkel und Helene Hegemann zurücktreten. Oder Stefan Raab und Jogi Löw.

Man möchte meinen, bald gibt’s nur noch den allmächtigen Josef Ackermann. Ansonsten herrscht in Deutschlands oberen Etagen schon ziemlich gähnende Leere (nach manch gähnender Fülle, was wohl zur Kehrseite der schwarz-rot-goldenen Medaille gehört). Selbst das Wetter, das muss mal gesagt werden, war die längste Zeit fürchterlich, seit Jörg Kachelmann auch plötzlich weg ist vom Fernsehfenster. Heute hängt ja alles mit allem irgendwie zusammen, darum wird schon alles seine Gründe haben und seine Abgründe ohnehin. Aber so viele Rücktritte, Abtritte, Wegtritte (Boapeng!) hat es in so kurzer Zeit in diesem eher stabil behäbigen Land noch nie gegeben. Es wirkt schon unheimlich.

Unheimlich sind die Deutschen ihren Nachbarn allerdings schon lange nicht mehr. Nur erscheinen sie der Welt mit ihrem Zögern, Zaudern und Zweifeln – ob in der Weltfinanzkrise, in der europäischen Binnenkrise oder im Krieg (was sonst?) in Afghanistan – inzwischen wieder schwerer begreiflich. Und jetzt auch noch diese politischen und personellen Abruptheiten, bis hin zu kugelblitzartigen Übernachtentscheidungen einer sonst so uneinigen, untätigen Regierung in Finanzmarktfragen: als wollten sie mit ein paar Nadelstichen gegen Heuschreckenschwärme kämpfen. Deutsche Politik hat inzwischen etwas von Donquichotterie, und so beginnen sich die Deutschen schon selber kaum zu begreifen: in dieser Zeit zwischen Erosion und Explosion.

Die jüngste Explosion, einen allgemeinen Freudentaumel, hat bekanntlich Lena bewirkt. Alle Welt rühmt ihre unprätentiöse Anmut und Natürlichkeit. Völlig zu recht. Trotzdem bleibt selbst dieses supernatürliche Wundermädchen aus Hannover, das der „Bild“-Zeitung keine Interviews gibt und keinen Spalt zu ihrem Privatleben öffnet (völlig zu recht), ein Rätsel. Nach ihrem Triumph in Oslo hatte sie, das vermeintliche Allniedersachsengirl, ebenso wie bei ihrem innerdeutschen Ausscheidungssieg kein Gruß- oder Dankeswort an irgendwelche Freunde, Klassenkameraden oder die Mutter zu Hause gerichtet. Und nach der Landung vor einer Woche rief sie ihren jubelnden Fans auf dem Flughafen von Hannover zu: „Ihr seid ja verrückt! Geht doch rein, es regnet!“

Der Eintrag der singenden Abiturientin kurz darauf ins Goldene Buch der niedersächsischen Landeshauptstadt: „Wow! Verdammte Axt, ist das geil! Dankeschönst. Leni.“ Darin steckt, wenn es von keiner jungen Hölderline und nicht mal von Lena Hegemann stammt, schon selber ein bisschen: Wahnsinn. Vom „Wahnsinn!“ war auch in der Nacht von Oslo sogleich die Rede, und seit der Maueröffnung ist fast alles, was Deutschland überrascht, zunächst mal „Wahnsinn!“. Das wiederum verrät als neuer Urschrei, ja: was? Scharfsinn ist es nicht. Eher verheißt das euphorische Stammeln eine neue Unsicherheit.

Was Horst Köhler mit seinem würdelos überhasteten, töricht unvermittelten Amtsverzicht als Stimmungskiller einen Tag nach Lenas Heimkehr angestellt hat, war nun tatsächlich nichts anderes als: Wahnsinn. Die früheren Salti rückwärts von Oskar Lafontaine (als SPD-Vorsitzender plus Minister) und Gregor Gysi (als Berliner Wirtschaftssenator) hatten im Vergleich dazu noch geradewegs politischen Stil. Und weil es um das bislang nie wirklich infrage gestellte höchste Staatsamt geht, trifft Köhlers Verhalten auch den ganzen Staat. Wenn so viel Unverlässlichkeit selbst beim Bundespräsidenten möglich ist, dann erscheint inzwischen alles möglich, und auf noch viel weniger ist Verlass. Nach Lena nun Wulff für Deutschland – alles Heil aus Hannover? Daran glaubt trotz Gerhard Schröder, Käßmann und Sigmar Gabriel nicht mal der evangelischste Sozi.

Explosion und Erosion. Ein Gefühl macht sich breit, als würden, als könnten nun jederzeit die Dämme brechen. Nein, diesmal nicht an Oder und Neiße – diese Stimmung zwischen gesteigertem Hoffen und Bangen, zwischen Exaltation und Depression gründet tiefer, geht weiter hinein in das kollektive Bewusstsein. Lena jetzt und eben noch Bayern München sowie die ersten Kanzlerinnenjahre lang auch Angela Merkel gaben den Deutschen das Gefühl: Wir sind wieder wer. Und das auf ganz angenehme Weise. Deutschlands Selbstbewusstsein offenbarte sich nicht mehr im Pomp des Wirtschaftswunders oder im Pathos des Mauerfalls, sondern wirkte auf einmal nur vernünftig zivil und freundlich entspannt, und das nicht bloß zur Sommermärchenzeit.

Bangen und Hoffen. Vor der WM 2006, vor dem deutschen Eröffnungsspiel (mit den fabelhaften Toren von Lahm und Frings) war die Stimmung auch noch keineswegs entspannt oder über die Maßen optimistisch. Der Ruck kam erst mit den Spielen. Daran muss man erinnern, wenn vor der in dieser Woche beginnenden WM wieder der Symbolwert des Fußballs beschworen wird. Dennoch ist die gesamtdeutsche Gemütslage diesmal ziemlich anders. Und die jugendfrische Nationalmannschaft der Nach-Ballack-Ära wird daran wohl nichts grundlegend ändern.

Wir sind wieder wer, aber wer sind wir eigentlich? Und was macht die Welt mit uns und wir mit ihr? Das waren mal Sonntagsredner-Fragen. Heute gehören sie schon zum Alltag. Nach 1945, nach Weltkrieg, Auschwitz und Hiroshima waren die Kubakrise 1962 und vielleicht noch Tschernobyl 1986 ein globaler Schock, war der Riss im Eisernen Vorhang 1989 dann eine überwiegend freudige Erschütterung der alten Welt. Zwischen den Weltkrisen aber lagen meist Jahrzehnte. Mittlerweile häufen sich die Einschläge, und sie kommen näher. Das hat mit dem Internet zu tun und mit der immer engeren globalen Vernetzung von Märkten und Menschen, Mächten und Ohnmächten. Andererseits scheint nicht nur in der medialen und subjektiven Wahrnehmung auch immer mehr zu passieren.

Die Beschleunigung von weltweiten Erschütterungen in den ersten zehn Jahren des neuen Millenniums ist in der Tat ungeheuer. Nicht geheuer: Der Angriff auf New York und Amerika am 11. September 2001, die bis heute nicht beendeten Kriege im Irak und in Afghanistan, der asiatische Tsunami, die Hurrikans der Karibik, zuletzt das Erdbeben von Haiti, die Schmelze der Erdgletscher, die biochemische Revolution, gerade eben meldet DNA-Papst Greg Venter die Erfindung von künstlichem Leben – eine schier endlose Liste der Sensationen, und man hält es im Kopf kaum aus.

Glaubte man vor einigen Monaten noch an die wundersam schnelle Erholung von der schwersten Finanzkrise seit 70 Jahren, so holt Europa und die Welt mit Griechenland & Co. schon der nächste Crash ein, mit immer unvorstellbareren Staatsverschuldungen. Wahnsinn, mehr und mehr.

Vulkanausbrüche und Ölpestfälle auf See gab es auch früher. Doch selbst aus größter Ferne rückt das Grauen näher. Die Vulkanasche von Island legt Mittel- und Südeuropas Flugverkehr lahm, und was derzeit im Golf von Mexiko geschieht, sprengt nicht nur jeden „Deepwater Horizon“. Dabei war die geborstene Ölbohrinsel erst im ominösen Jahr 2001 in Betrieb genommen worden, angeblich ein technologisches Spitzenprodukt, kein Vergleich etwa zu einem ukrainischen Atomreaktor.

Trotzdem droht die wohl größte Meeresverseuchung aller Zeiten zu einer Art Tschernobyl des Erdölzeitalters zu werden. Und dies in einer Phase, wo das schwarze Gold, auf dem bisher, vom Auto bis zum Flugzeug, von der Containerschifffahrt bis zur Plastiktüte, fast aller Verkehr, Handel und Wohlstand der reichen Weltteile beruht, ohnehin immer knapper wird.

Mit Windkraft nicht und auch nicht mit Atomkraft ließe sich dafür ausreichend Ersatz schaffen. Die Wasserstofffusion oder rein synthetische Energiequellen sind noch Schimären, wie auch das alles rettende „Helium 3“, das in Frank Schätzings neuem Thriller „Limit“ per Weltraumlift vom Mond geholt wird. „Limit“, das ist genau unser Stichwort – dies hat Schätzing mit dem Instinkt des Bestsellerautors ingeniös erspürt.

Wir sind politisch, wirtschaftlich, finanziell und im Ausschöpfen unserer natürlichen Ressourcen wohl tatsächlich am Limit. Undeutlich noch, aber doch immer spürbarer gibt es darum das kollektive Empfinden einer Zeitenwende. Es ist ein Gefühl, das aus den bekannten Gründen und nicht nur in Griechenland oder Spanien mittlerweile sogar die sonnigsten, saumseligsten Problemverdränger ergreift. In Amerika dagegen wurde eine Zeitenwende meist auch als positive Herausforderung begriffen. Doch diese Dimension des Wandels zu vermitteln, fällt selbst dem Rhetoriker Barack Obama zunehmend schwer. Und in Deutschland gehörte das „positive thinking“ ohnehin nicht zum gesellschaftlichen Konsens. Die an sich noch weithin wohlstandsgesegneten und wirtschaftsstarken Deutschen sind nach allen Weltkriegs- und Diktaturerfahrungen mitsamt ihren historischen Inflationsängsten besonders anfällig: für mentale Krisenstimmungen und Kassandrarufe.

Die Bundesregierung jedoch will bei ihrer Sparhaushaltsklausur ab heute auch Wegzeichen einer Rundumerneuerung setzen. Eine Regierung, die ihr jüngstes Problem gerade so gelöst hat, dass man es in drei Worte fassen kann: „Wulff statt Wurf“ (so die „Süddeutsche Zeitung“). Bisher hat es beim Auftritt der Koalition aus Union und Liberalen nicht einmal zur schwarz-gelben Komödie gereicht. Es war nur eine holprige Farce, mit Zügen des Trauerspiels. Und das hat Wirkungen.

2009 war die Beteiligung an der Bundestagswahl bereits auf das Rekordtief von 70,8 Prozent gefallen. Nach einer demoskopischen Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung haben inzwischen kaum zehn Prozent der Wahlberechtigten noch das Zutrauen, dass Politik in Deutschland „soziale Gerechtigkeit“ durchzusetzen vermöge; und nach anderen jüngsten Umfragen glauben rund drei Viertel der Deutschen nicht mehr daran, dass die Bundesregierung in der augenblicklichen Krise fähig sei, die Macht der Finanzwirtschaft wirksam zu kontrollieren und zu begrenzen.

Entgegen allen Reue- und Regulierungsschwüren hat die Regierung Merkel seit der Lehman-Pleite 2008 und dem ersten Milliarden- Rettungsschirm national und international praktisch nichts unternommen, das „Monster“ (so Köhler mit dem Wort, das von ihm bleiben könnte) im Bann der exzessiven Märkte auch nur ansatzweise zu zähmen. Ex-Finanzminister Peer Steinbrück von der SPD hat dazu vor einigen Wochen auf einer hochkarätigen Banker-Tagung, die sich das Motto „Denk ich an Deutschland“ gesetzt hatte, Bedenkenswertes gesagt. Er sprach vom „Versagen der Eliten“ und den „Volksparteien ohne Volk“ und sagte dann: „Dieses Wirtschaftssystem wird nicht durch radikale Linke oder Rechte infrage gestellt, sondern durch die Protagonisten des Systems selber, durch ihre Maßlosigkeit und Verantwortungslosigkeit.“

Bei diesem Fazit war Josef Ackermann, der Gastgeber, schon nicht mehr im Saal. Und die Kanzlerin wirkt, seit sie die beiden „Steine“ nicht mehr an ihrer Seite hat, sonderbar geschwächt. Mit Steinbrück zusammen trat sie trotz aller Bedächtigkeit noch halbwegs souverän auf im schwarzen September 2008, und außenpolitisch hatte sie mit Steinmeier als Back-up viel mehr Fortune. Der heutige SPD- Fraktionschef galt unter Diplomaten als bester Außenminister seit Genscher; Westerwelle gilt als der schlechteste seit Kinkel.

Die FDP-Blase ist indes bereits geplatzt. Und man kann heute fast schon wetten, dass sich in näherer Zukunft auch die grundgesetzliche Sparbremse als so wenig haltbar erweisen wird wie die EU-Maastricht-Kriterien. Es müsste, weit über eine zweitägige Krisenklausur hinaus, schon ein ganz neues Denken jenseits der alltagspolitischen Leerformeln beginnen: Was, beispielsweise, kommt nach der Illusion eines ewigen Wachstums?

In vier Wochen feiert die Stadt Ludwigshafen den 125. Geburtstag von Ernst Bloch, ihrem größten philosophischen Sohn: mit einem Symposion über „Neue Utopien“. Utopien sind, das ist ihr Wesen, ganz weit weg von Rentenformeln, Flugbenzinsubventionen oder Kreditausfallversicherungen. Aber sie sind auch etwas anderes als pure Spekulation und der übliche Wahnsinn. Geht es doch um das, was der Titel von Blochs Hauptwerk wachruft: um „Das Prinzip Hoffnung“.

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