Betrugsfall : Wie viel Leben soll bei Abiturienten outgesourct werden?

Jugendliche sollen funktionieren – und zwar schnell. Klar, dass sie sich nicht damit aufhalten, Abi-Partys zu organisieren. Die "Easy Abi"-Pleite aber zeigt: Sie sollten sich ein Stück Do-it-yourself-Mentalität zurückerobern.

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Spontan-Demo auf der Warschauer Brücke. Schüler bitten um Spenden für ihren Abi-Ball, nachdem sie von der Eventagentur "Easyabi" um ihr Geld geprellt worden sind. Foto: Marcus RossowAlle Bilder anzeigen
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16.06.2011 07:33Spontan-Demo auf der Warschauer Brücke. Schüler bitten um Spenden für ihren Abi-Ball, nachdem sie von der Eventagentur "Easyabi"...

Was für ein Glück: Die Abitur-Prüfungen sind schon gelaufen. Denn die Machenschaften der Eventagentur „Easy Abi“ hätten manchen Schüler sicher um die Konzentration auf die Prüfungen gebracht und vor die bange Frage gestellt: Wie soll man nur eine Abi-Party organisieren – so ganz ohne Eventagentur?

Der Fall ist keine Petitesse. Es geht um Betrug. Darum, dass Schüler (und vor allem Eltern) viel Geld verloren haben. Darum, dass sie nun sehen müssen, wie sie diesen besonderen Moment zelebrieren. Besorgte 68er fragen sich vielleicht: Wie konnte das bloß passieren – nicht der Betrug, sondern die Eventagentur?

Die Antwort ist einfach: Es ist die logische Konsequenz aus dem Anspruch, der an diese Generation gestellt wird. Jugendliche von heute sind wie kaum eine andere Generation zuvor davon geprägt, funktionieren zu müssen – und zwar schnell. Die Schule soll schneller abgeschlossen werden, der Zivildienst oder der Bund fällt weg, das Studium wird kürzer, straffer und effektiver. Der Berufseinstieg erfolgt früher. Und selbst die Rentenvorsorge kommt gleich nach dem Abitur.

Klar, dass man sich nicht damit aufhält, Abiturpartys oder Bälle zu organisieren. Das kostet im Zweifel mehr Zeit als die Prüfungsvorbereitung. Deshalb wird auch das in vermeintlich professionelle Hände gelegt, outgesourct. Und jeder profitiert vom All-inclusive-Deal: Die Agentur verdient Geld, schafft Arbeitsplätze, und die Abiturienten sind jeden Stress los.

Natürlich ist es nicht lauter zu sagen: Sag mir, wie du dein Abi feierst, dann sage ich dir, wer du bist. Aber es fällt auf, dass die Gegenwehr gegen diese Form der Professionalisierung, vor allem aber der Ökonomisierung, nicht groß ist. Dabei haben die Abiturienten in der Regel selbst das beste Händchen dafür, den Moment, um den es geht, festzuhalten, zu feiern. Insofern bietet dieser ungeheuerliche Vorgang auch eine Chance für die kommenden Abijahrgänge: sich ein wenig Freiheit, Eigenverantwortung, ein Stück Do-it-yourself-Mentalität zurückzuerobern.

Dass es Abipartys, Bälle, Anzüge, Reden und das alles gibt, ist nicht mehr umstritten. Von alternativer Spießigkeit keine Spur. Mit dieser Konvention hat schon die Generation davor gebrochen. Überhaupt sind Generations-Nostalgie und Vergangenheits-Romantik hier fehl am Platz.

Trotzdem. Die Betrogenen haben nicht nur die Studienfähigkeit erlangt, sondern ganz bewusst ist von Reife die Rede. Dahinter steckt vielleicht auch die Einsicht, nicht alles im Leben unter das Diktat der Effizienz und Professionalität zu stellen – oder stellen zu lassen. Zumindest könnte man sich mit der Frage auseinandersetzen: Wie viel Leben soll outgesourct werden?

Abizeit ist Lebenszeit. Wertvolle sogar. Nur gewinnt sie ihren Wert nicht aus dem perfekten Dinner. Es ist das Unperfekte, was sie zu dem macht, was sie für viele heute noch ist – unvergesslich. Und das darf man im besten Sinne bewahren. Der Caterer kommt dann früh genug. Zur Hochzeit vielleicht.

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