Meinung : Bewältigte Vergangenheit

Hellmuth Karasek

Jeder Krieg, auch der "gerechteste", auch der aus nackter Notwehr geborene, erzeugt Verbrechen, mörderische Katastrophen für Unschuldige, Zivilisten, Kinder - und das auf beiden Seiten. Das wird zurzeit in Den Haag schmerzhaft deutlich: Trotz der halsbrecherisch propagandistischen, Ursache und Wirkung verdrehenden Verteidigung des Slobodan Milosevic.

Das gilt auch und erst recht für den (bisher) fürchterlichsten Krieg der Menschheit, den Zweiten Weltkrieg, der mit blanker Aggression Deutschlands und Japans begann und in einem unvorstellbaren Meer aus Leid, Not und Massentod endete, auch für diejenigen, die ihn vom Zaun gebrochen hatten: Sie hatten Hass gesät und einen Feuersturm geerntet. In die Liste der zu Schreckenssymbolen erstarrten Ortsnamen fügen sich nicht nur Guernica, Coventry, Lidice, Stalingrad, Auschwitz, sondern auch Dresden, Hiroshima. Und, jetzt von Günter Grass wieder in seiner Novelle Im Krebsgang ans Bewusstseinslicht geholt, die Versenkung der "Wilhelm Gustloff", die mit tausenden Flüchtlingen am 30. Januar 1945 von einem sowjetischen U-Boot in den eisigen Meeresgrund torpediert wurde. Grass wollte damit an ein Unrecht rühren, das die unschuldig Gemordeten des Krieges wie zum zweiten Mal trifft: Es wird auch noch das Gedächtnis an sie gelöscht - ein, wir wissen es seit der "Antigone", zutiefst inhumaner Akt.

Grass führt neben dem moralischen Grund noch einen zweiten an, einen der politischen Hygiene: Man würde sonst das verdrängte Thema den Revanchisten und Neonazis überlassen. Das ist vielleicht taktisch, um nicht zu sagen: wahltaktisch gemeint, aber ist es auch richtig?

Zunächst muss festgehalten werden, dass wohl noch nie in einem Krieg der Neuzeit ein solcher Überhang von Unrecht auf der besiegten Seite herrschte wie im Krieg Hitlers gegen den Rest der Welt. Auf den totalen Krieg folgte die totale Niederlage: Das Verschweigen des Erduldeten geschah auch aus moralischer Ohnmacht.

Doch wir Deutsche hatten in dieser Hinsicht Glück im Unglück, um es vielleicht zu salopp zu sagen, wir gerieten, kaum aus dem Krieg, in die Niederlage des Friedens und gleich in einen neuen Krieg, den Kalten Krieg. So konnte sich die unterdrückte Trauer schnell wieder äußern, ja sogar propagandistisch in den neuen Weltkonflikt einbringen: In der Bundesrepublik wurde die Vertreibung zum Unrecht, das sie war, und ein Argument für das Roll-back-Denken. In der DDR war die Zerstörung Dresdens, was sie war, nämlich "Bombenterror" - und eine Waffe im propagandistischen Friedenskampf. Es gab, notabene, wahrlich im Westen, auch einen Film über den Untergang der "Gustloff".

Erst mit der neuen Ostpolitik, erst mit Willy Brandt änderte sich das. Flüchtlingsverbände wurden nun von den Intellektuellen der Neuen Linken als "Kalte Krieger" und "Revanchisten" geschmäht, was sie auch, aber eben nur "auch" waren. Dabei wurde berechtigter Schmerz über zugefügtes Leid mit bekämpft - auch und vor allem von Günter Grass, der als "Blechtrommler" der Öffnung nach Osten, aus den besten Gründen und lautersten Motiven, immer auch ein grässlicher Vereinfacher war. Er gab den Flüchtlingsfunktionären, die natürlich auch egoistisch ihr Süpplein am Kochen hielten das Odium des Rechtsradikalismus und der Unbelehrbarkeit.

Jetzt, da der Ost-West-Konflikt zu Ende ist, möchte Grass die Geister aus der rechten Ecke zurückholen, in die teilweise er sie gepfiffen hat. Das ist ein Akt, der ihn ehrt, der aber, wie das Echo zeigt, für ihn wichtiger ist als für eine öffentliche Debatte. Wir haben, siehe Milosevic, siehe Irak, siehe Afghanistan näher liegende Sorgen.

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