Meinung : Biedenkopfs Fall: Schade um die Patriarchen

Wir sehen ein Lehrstück über den Verfall der Macht. Überheblichkeit und auch Sturheit verbinden sich mit Realitätsverlust und Hilflosigkeit: Kurt Biedenkopf hat den Zeitpunkt verpasst, in allen Ehren sein Amt als Ministerpräsident in Sachsen aufzugeben. Er hat sich selbst der Demütigung ausgeliefert. Längst haben Versuche in den eigenen Reihen begonnen, ihn zu verdrängen. Ausgerechnet Biedenkopf, ein Intellektueller unter den Politikern, einer der anderen wie weiland Helmut Kohl so schlüssig erklären konnte, woran der richtige Moment zum Abschied nehmen zu erkennen sei. Ausgerechnet Biedenkopf, der Anti-Kohl.

Es ist ein Phänomen: Die Kunst des Übergangs hat kaum einer recht geschafft, diesen Übergang zum Abschied und politischen Neuanfang. Bisher war es immer Zwang, von Adenauer bis zu Kohl. Auch Johannes Rau hat den Umstieg nur knapp geschafft. Die Geschichte der mangelnden Einsicht, setzt sie sich unendlich fort? Tatsache ist: Wer zu spät geht, und sei er vorher noch so beliebt und erfolgreich gewesen, muss ertragen, Schaden am Renommee zu nehmen. Wie Biedenkopf. Oder vielleicht demnächst Manfred Stolpe. Oder Eberhard Diepgen nach seinen vielen Jahren. Also, werden auch sie den Fehler begehen, den so viele Granden gemacht haben?

Der Fall Biedenkopf ist vor diesem Hintergrund wichtig. Er hatte die richtige Erkenntnis. Er hatte Kohl kritisiert, weil der sich seit 1994 nicht entschließen konnte, Wolfgang Schäuble, den allseits designierten und schon beinahe resignierten Nachfolger, wirklich ins Amt zu bringen. Die Sache endete dann 1998, wie Biedenkopf vorhergesagt hatte: Mit der Abwahl Kohls, mit der härtesten Niederlage der CDU seit je. Und eben dieser Biedenkopf hörte selbst nicht auf den Rat, nach der Bundestagswahl abzutreten. Er wollte noch einmal antreten in Sachsen, gewann auch grandios - aber danach war klar, dass seine Zeit abgelaufen war. Die CDU brauchte ihn noch einmal, und jetzt nicht mehr.

Nun will Biedenkopf trotzdem bleiben: Obwohl er über 70 ist; obwohl es immer seine letzte Legislaturperiode sein sollte; obwohl er nicht mehr beliebter und auch kein Rekordhalter unter den Länder-Regierungschefs mehr werden kann. Das ist Teil des Phänomens: Anfangs ist es so, war es auch bei Biedenkopf, dass die Jüngeren den Älteren nicht gehen lassen, aus eigennützigen Karriere-Gründen. Weil sie noch nicht so weit sind, beispielsweise. Auch, weil man es recht kommod hat unter einem Patriarchen, der vor lauter Eitelkeit nicht mehr alles sieht. Dann muss es das Gefühl sein, nicht mehr loslassen zu können, das der Publizist Rolf Zundel als das Grundmuster des alternden Politikers beschrieben hat. Das Gefühl, es trotz alledem immer noch besser als jeder andere zu können. Das Gefühl, das Land und das Amt niemandem anvertrauen zu können. Dafür wird dann der Grundsatz allzu großzügig missachtet, dass die Demokratie immer nur Ämter auf Zeit kennt. Und das alles seine Zeit hat. Hier allerdings liegt das Dilemma - in der Bequemlichkeit der Wähler, die für personalpolitische Nachhaltigkeit wenig Sinn haben.

Zwei Politiker haben sich schon vor Zeiten erklärt: Kurt Biedenkopf - und Gerhard Schröder. Biedenkopf trat ein für eine Amtszeitbegrenzung des Regierungschefs auf zwei Legislaturperioden, Schröder meinte, nach acht Jahren als Kanzler sei es genug. Vor kurzem hat die SPD eine Diskussion angestoßen über die Länge von Legislaturperioden und Amtszeiten. Biedenkopfs Fall kann hier eine Lehre sein. Den großen Parteien gehen sonst womöglich die Politiker aus, an die sie sich mit Respekt erinnern können.

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