Bildungsföderalismus : Jeder macht seins

Selbst Berlin und Brandenburg scheitern am Zentralabitur. Zwar ist Bildung Ländersache, doch das kollidiert mit einem anderen Ideal – der Mobilität.

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Die Signale könnten unterschiedlicher nicht sein: Am Mittwoch dieser Woche verkündeten Bayern, Sachsen und Niedersachsen, dass sie einen Staatsvertrag für einheitliche Bildungsstandards planen; und am Donnerstag bestätigte das Land Brandenburg den Teilausstieg aus dem gemeinsamen zentralen Abitur mit Berlin. Willkommen auf dem Flickenteppich deutscher Kulturhoheit!

Geht es nun vor oder zurück mit dem Bemühen um mehr Vergleichbarkeit im Schulwesen?

Aktuell weder noch, denn beide Nachrichten bedeuten erst einmal nicht viel. Wer zwischen Berlin und Brandenburg umzieht, wird nicht daran scheitern, dass die Schulaufgaben variieren. Und gemeinsame Bildungsstandards gibt es in Deutschland sowieso schon. Die angeblich höhere Verbindlichkeit, die der geplante Staatsvertrag zwischen Hannover, München und Dresden bringen soll, muss erst noch bewiesen werden.

Womit die deutschen Familien vorerst dort bleiben, wo sie seit 1949 stecken: im Getümmel des Profilierungsgehabes von Länderparlamenten, die außer der Bildungspolitik nicht viel haben, womit sie eine eigene Handschrift nachweisen können. Selbst das ambitionierte Bemühen der Kultusminister um einheitliche Bildungsstandards hat bisher ja nicht wirklich dazu beigetragen, es den mobilen Familien zu erleichtern, mit ihren Schulkindern in einem anderen Bundesland Fuß zu fassen.

Denn die viel beschworenen „Standards“ und „Kompetenzen“ sind nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite stehen die strukturellen Unterschiede, die den Kindern viel mehr zu schaffen machen.

Dazu gehört nicht nur das Wirrwarr von Sekundarschulen, Realschulen, Hauptschulen, Oberschulen, Werkrealschulen, Mittelschulen, Stadtteilschulen und Gymnasien, das eine Orientierung erschwert. Vielmehr kann schon der unterschiedliche Beginn der ersten Fremdsprache in Klasse 1 oder 3 einem Grundschulkind den Umzug von einem Land zum anderen zur Hölle machen, was ebenso für die unterschiedliche Länge der Grundschulzeit gilt, die in Berlin und Brandenburg sechs und dem Rest der Republik vier Jahre dauert. Und schließlich wäre da noch der unterschiedliche Beginn der Schulpflicht: Die 16 Bundesländer leisten sich fünf (!) verschiedene Regelungen, was allenfalls noch Eingeweihte begründen, aber kaum ein anderer verstehen kann.

Wer nun glaubt, die historisch gewachsene Länderhoheit sei dennoch ein zu hohes Gut, um sie den mobilen Familien zu opfern, der sollte vielleicht mal einen Blick in die Bundesstatistik wagen. Sie führt mit ein bisschen Rechnerei zu einer geschätzten Zahl von rund einer Millionen Kinder und Lehrer, die während ihrer Schulzeit beziehungsweise ihres Arbeitslebens das Bundesland wechseln müssen.

Vielleicht ist das ein Grund, die Anstrengungen bei einer Vereinheitlichung der Bildungsstrukturen erneut zu beschleunigen. Die Landespolitiker verlören dann zwar ein Profilierungsfeld, aber sie gewönnen bestimmt Wählerstimmen: Immerhin hängt laut Meinungsumfragen rund 60 Prozent der Wähler das Wirrwarr der Bildungssysteme zum Halse raus.

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