Bildungspolitik : Ein Zwischenruf zu Studiengebühren

Bildungsbenachteiligung hat viel mehr Ursachen als Armut. Ursula Weidenfeld über bildungspolitische Geschenke an die, denen es ohnehin gut geht.

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Zwei Entscheidungen dieser Woche zeigen, wie es in Deutschland um die Chancengerechtigkeit bestellt ist. Beide werden das Land in dieser Sache nicht voranbringen. Die erste Entscheidung betrifft die Hartz-IV-Reform, die zweite die Abschaffung der Studiengebühren in Nordrhein-Westfalen. Ein „guter Tag für die Kinder“ sei der Hartz-IV-Kompromiss, sagte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Denn jetzt gibt es ein Bildungspaket, mit dem materiell benachteiligte Kinder vermittels „Teilhabe“ in höhere Bildungslaufbahnen katapultiert werden sollen. Der zweite Beschluss fiel in Nordrhein-Westfalen.

Das Bildungspaket mag den Bildungsbürgern gefallen. Doch den Aufstieg in das Bildungsbürgertum wird es nicht ebnen. Das liegt vor allem daran, dass materielle Benachteiligung nicht dasselbe ist wie Bildungsbenachteiligung. Klar, da gibt es große Überschneidungen. Viele sind arm, weil sie schlecht gebildet sind. Doch Bildungsbenachteiligung hat viel mehr Ursachen als Armut. Sie begründet sich mindestens genauso wie aus fehlendem Geld aus der Haltung und dem Selbstbewusstsein des Elternhauses, aus dem Interesse von Lehrern und der Aufmerksamkeit des sozialen Umfelds. Eine Nachhilfestunde mehr mag im Einzelfall helfen. Ein Volk von Abiturienten und Hochschülern wird sie nicht erschaffen.

Noch krasser aber muss das Urteil über das Abschaffen der Studiengebühren ausfallen: Hier geht es um die, die es schon geschafft haben, und um deren Eltern natürlich. Wie kann eine hoffnungslos überschuldete Landesregierung so schamlos die Interessen der ohnehin Privilegierten bedienen? Nordrhein-Westfalen hinkt bei der Einrichtung von Kindertagesstätten und Ganztagsschulen hoffnungslos hinterher – aber die Studenten sollen kostenfrei studieren? Hier bekommen die ein Geschenk, die die besten Berufsaussichten haben, deren Lebenszufriedenheit mutmaßlich über der der weniger Gebildeten liegen wird, die gesünder leben werden, seltener arbeitslos sind und öfter verreisen können.

Wer so etwas beschließt, hat mit Bildungsgerechtigkeit nichts zu schaffen. Hier werden Familien bedient, die politisch interessiert sind und ihre Interessen lautstark vertreten können. So sieht Klientelpolitik aus. Berlin und andere Bundesländer haben es übrigens gar nicht erst gewagt, diese Gruppe vor den Kopf zu stoßen und ihr Studiengebühren aufzubürden. Wer Studiengebühren abschafft, braucht sich über Steuerprivilegien für Hoteliers nicht aufzuregen. Wirklich nicht.

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