Bischöfe : Auf der Suche nach dem perfekten Kirchenmanager

Eierlegende Wollmilchsäue - die gibt es auch in der Kirche nicht. Überlegungen darüber, was ein guter Bischof in Krisenzeiten können muss.

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Der Autor ist Kulturredakteur beim Tagesspiegel.
Der Autor ist Kulturredakteur beim Tagesspiegel.Foto: ddp

Der Idealmanager sorgt sich um die Zukunft seiner Firma wie Thomas Middelhoff, er ist teamfähig wie Hartmut Mehdorn, bescheiden wie Klaus Zumwinkel, sympathisch wie Roland Koch, verantwortungsbewusst wie BP-Chef Tony Hayward und da, wo er repräsentieren muss, väterlich wie Christian Wulff, uneitel wie Horst Köhler. Falls er außerdem mit der Formel „Ich bin bereit zur Bischofsweihe“ antreten will, verhalte er sich asketisch sanft wie Walter Mixa, liebenswürdig wie Georg Sterzinsky, nehme sich selbst so wenig wichtig wie Margot Käßmann oder Joachim Meisner.

Angesichts dieses starken Profils machte beim jüngsten Plenum der vatikanischen Bischofskongregation der erschöpfte Präfekt seinen vom Papst berufenen 26 Kardinälen und sieben Erzbischöfen einen überraschenden Vorschlag. Noch einen Aspiranten zur Besetzung der Augsburger Vakanz gebe es da, dessen Akte allerdings irritiere. Der Mann sei krank, was seine pastorale Arbeit behindere. Er habe es an einem Ort selten lange ausgehalten, verfüge immerhin über Erfahrung aus vielen Gemeinden. Mit Administration habe er Probleme. Es heißt, er vergesse mitunter, wen er getauft habe, halte sich selbst trotzdem für keinen schlechten Theologen. Er sei bereit, der Kirche zu dienen. Doch die Runde lehnt es ab, sich mit diesem gebrechlichen, gedächtnisschwachen Streithammel überhaupt zu befassen. Der Präfekt schloss seufzend die Akte: „Das dachte ich mir, aber seinen Namen sollen Sie wissen: Es ist der Apostel Paulus.“

Zugegeben: Ein bisschen anders als im Szenario dieses (modifizierten) protestantischen Pfarrerwitzes geht das bei realen Bischofsernennungen heute wohl zu. Aber was geht schief?

Nun ist eben, zur aktuellen Schadensbefriedung, der Görlitzer Hirte Konrad Zdarsa aus Deutschlands kleinstem Bistum im Rekordtempo als Mixas Nachfolger verkündet worden, sechsmal so fix wie sonst; Wahlspruch des 66-Jährigen: „Denn Er ist unser Friede“. Doch wo Augsburger Enthüllungen der letzten Monate das Bild eines aggressiven Renaissance-Prälaten verbreiteten, der sein Doppelleben auf Kosten ihm Anvertrauter organisierte, lässt sich im Publikum längst die Frage nicht mehr unterdrücken: Wieso riskiert ein Apparat mit hoher ideologischer Ambition derart fragwürdige Personalentscheidungen? Anno 2005, als der nicht unbescholtene Mixa, nach der römischen Verwerfung seriöser Alternativ-Kandidaten, in seiner neuen Diözese am Lech eintraf, soll ein Brief des frischgebackenen Papstes das Domkapitel getröstet haben: „Wir konnten keinen besseren für Euch finden.“ Eine Ausnahmepanne?

Während im Sog der Skandale vieles, was wir immer vom Klerus ahnten, aber nie beweisen konnten, sukzessive ans Licht befördert wird, verfinstert sich die Wahrnehmung der „Amtskirche“. Verfestigt sie sich nur? „Geistliche Strahlkraft“ gehe von den Kirchen nicht mehr aus, stellt der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf fest, ihren Führern falle nichts mehr ein, weshalb sie sich ins Moralisieren flüchten. Der „Mangel an Professionalität im kirchlichen Leitungspersonal“ werde bisweilen mit Managementtechniken überspielt, man wolle sich durch Umstrukturierung zum „Glaubensdienstleister“ mausern, scheitere jedoch am Zentralproblem: „Die deutschen Kirchen sind stark vermachtete und verfilzte Organisationen mit viel Pfründenwirtschaft zur Alimentierung von Funktionären, die gern unter sich bleiben und miteinander in einem verquasten Stammesidiom kommunizieren.“ Ein vernichtender Befund. Wie überhaupt sähe ein qualifizierter Bischof aus?

In dem Sortiment jener Bischofsbilder, die Geschichte und Gegenwart anbieten, dominiert bislang der Funktionär. Als Befehlsempfänger ohne Gestaltungsdrang agiert er unauffällig bei offiziellen Anlässen; eine öffentlich-rechtliche Honoration, deren unverbindliche Diktion niemanden tangiert. Den Märtyrerbischof, sein krasses Pendant, gab es von der Antike bis heute, in gefährdeten Weltecken, doch typologisch offenbart uns seine Existenz wenig über Selbstverständnis und Amtsführung, außer dieser punktuellen Qualität – der radikalsten Einforderung seiner physischen Existenz im definitiven Moment. Der „heilige“ Bischof wiederum, kein gänzlich unbekanntes Modell, muss sein Leben nicht gewaltsam verlieren; aber jenseits aller konkreten (Un-)Begabungen geht von ihm jene charismatische Strahlkraft aus, die der Theologe Graf so schmerzlich vermisst. Selbst in der entschwundenen Epoche der Fürstbischöfe sollen solche überzeugenden Persönlichkeiten vorgekommen sein.

Heute meint das Modell Fürstbischof den auf nostalgisch-protzige Oberflächen, Macht und Eitelkeit fixierten klerikalen Karrieristen. Außerdem profiliert sich mittlerweile der Typus des artikulationsfähigen Medienbischofs, sowie eine Unterspezies, der Krawallbischof. Mixas Vorgänger im Militärbischofsamt, Johannes Dyba, war von diesem Kaliber, hat moralisch rigoros, ideologisch, polemisch seine Herde gespalten, starb über Nacht und wurde – trotz spektakulärer Attacken gegen Homosexuelle, trotz Laxheit beim Umgang mit Missbrauchsverbrechen – als Patron einer schönen Straße am Fuldaer Domplatz verewigt.

Einmal Bischof, immer Bischof! Welcher Typ ist die sichere Bank? Im letzten Winkel des brasilianischen Nordostens treffen wir den europäischen Missionsbischof, der seinen Zigtausende von Quadratkilometern umfassenden Sprengel mit weniger Mitteln versorgt als ein deutscher Diaspora-Pastor seine Dörfchen; aber ein paar Flugstunden weiter hat sich sein eingeborener Amtsbruder mit Kollekten hiesiger Dritte-Welt-Fans ein schickes Appartement am Großstadtstrand gekauft. Wir treffen hierzulande den brillanten Professoren-Bischof, der so selbstverständlich für seine Gäste das Bett bezieht, als empfange er den Messias persönlich. Wir erinnern uns an einen fränkischen Bischof, der als Berliner Kardinal Jugendlichen zuruft, sie möchten so lebendig weitergehen, die Kirche sei voll von „geborenen Rentnern und angewärmten Leichen“. Derselbe Würdenträger blafft beim Bergwandern ein Schäfchen, das ihn „Eminenz“ anbuckelt, mit „Halt dei Gosch, du Dackel“ an. Wir wünschen uns eben im hohen Amt: den Pfundskerl. Das Authentische.

Der perfekte Manager soll beispielsweise ein weiser Tyrann sein, Fehler einräumen, sich durchsetzen können, eine Philosophie finden, aus der er sich regeneriert. Der Superbischof ist via Personalberatung, Checkliste, Coaching kaum zu ermitteln. Der Manager muss die corporate identity seiner Leute zum Wohle der Firma fördern. An der Einheit der Kirche, für die der Ortsbischof Verantwortung trägt, entscheidet sich mehr als das Marketing. Wenn Bischöfe, Priester, Laien einander die Augen auskratzen, verfehlt der Erlösungsaufwand sein globales Ziel.

Das hoch gesteckte mystische Konzept besagt, Jesus realisiere mit seinen Aposteln auf Erden ein neues Gesellschaftsmodell „wie im Himmel“, die Dynamik gegenseitiger Liebe. „Das Ich und das Wir in der Kirche“, formulierte der Regensburger Dogmatiker Ratzinger in den 1960er Jahren, sei insofern nicht zu trennen. Das bischöfliche Amt in der Gemeinschaft der Apostel existiere wesensmäßig pluralisch: als „Einander-Verbunden-Sein“, im „Aufeinander-Rücksicht-Nehmen“, im „Miteinander-Wirken“.

So weit das Ideal. Tatsächlich pervertiert die Einheitsvision mitunter zur Seilschaftsintrige: etwa bei Bischofsernennungen. Laut Kirchenrecht ernennt oder bestätigt der Papst die Diözesanbischöfe. Aus den vormals preußischen Diözesen schickt das Domkapitel eine Liste nach Rom, an die man dort nicht gebunden ist; drei Vorschläge kommen zurück, daraus wählt das Domkapitel seinen Favoriten. Es ist nicht verboten, Vorschläge vom Priesterrat und vom Diözesanrat der Laien einzuholen.

Aus den bayerischen Diözesen wird alle drei Jahre eine Liste an den Vatikan geschickt: Staatssekretariat und die regelmäßig tagende Bischofskongregation sortieren vor. Zuvor mussten Auskunftgeber Fragen über die Beziehungen des Kandidaten zu Laien, zu Frauen, seine klerikale Kleidung, seine Publikationen beantworten. In der Kurie präpariert ein Sachbearbeiter die Akte fürs Kongregationsplenum, zu dem die Deutschen Lehmann und Meisner gehören. Über den Gremienvorschlag entscheidet der Papst frei (wie im Fall des den Münchnern aufgedrückten Trierer Bischofs Marx).

Die Ernennungen Mixas – zum Bischof von Eichstätt 1996, neun Jahre später von Augsburg – sollen durch transalpin wirksame Machenschaften eines Augsburger Wallfahrtsdirektors, durch einen Brief mit falscher Unterschrift (zur Verleumdung des rivalisierenden Kandidaten) sowie von dem mittlerweile mehrmals wöchentlich mit Ratzinger / Benedikt telefonierenden Kölner Kardinal manipuliert worden sein; im Skandal um seinen Protegé Monsi (Spitzname W. M.) bleibt Meisner, als Krawallbischof sonst kaum mundfaul, zur Zeit seltsam stumm. Warum seinerzeit Mixas Rivalen ausgemustert wurden, ist bis heute geheim. Würden Ablehnungsgründe regulär dem betroffenen Domkapitel mitgeteilt, käme jene Strippenzieherei eher ans Licht, mit der reaktionäre Männerbünde bis in die Kirchenspitze taktieren, um fähige, aber unangepasste oder den Laien-Gremien allzu freundlich verbundene Kandidaten auszuschalten. Der Verzehnfachung des kurialen Personals in den letzten Jahrzehnten entspricht bei Bischofsernennungen die Bevorzugung geschmeidiger Apparatschiks.

Schon in seinen frühen Schriften hat Joseph Ratzinger die Wiederentdeckung des Kollegiums proklamiert: Sein Bericht vom Beginn des II. Vatikanischen Konzils feierte die Emanzipation der versammelten 2500 Bischöfe. Wie sie der Kurie die Geschäftsordnung aus der Hand nehmen, um sich vor irgendwelchen Wahlen erst kennenzulernen, um sich nicht zum „Vollstreckungsorgan zu degradieren“; stattdessen laut Kirchenrecht „die oberste Gewalt über die ganze Kirche auszuüben“. Als Konzilstheologe hat er damals die Übersetzung katholischer Tradition ins 20. Jahrhundert maßgeblich mitformuliert. Er beschreibt die juristisch kaum definierbare, mysteriöse hierarchisch-demokratische Doppelspitze der Kirche – hier der Papst, dort das Bischofskollegium – als „lebensvolles Zueinander“ und, im Kontrast zum konzentrischen Kreis, als dialektische „Ellipse“ mit zwei Brennpunkten.

Warum dieser optimistische Theologe später als misstrauischer Glaubenswächter hinter der eigenen Entwurfsdynamik zurückgeblieben ist und die Balance zwischen universaler Kirche und Ortskirche zentralistisch unterläuft: Darüber grübeln Ratzinger-Exegeten seit Jahren. Eine Folge seines 68er-Schocks durch böse Studenten? Wahrscheinlich war seine Theologie immer größer als er selbst: Als ewiger Einzelgänger schafft er es nicht, die tolle Idee in eigenen Alltag umzusetzen.

Diese Differenz, zwischen Ideal und Realisierung, ist allerdings auch bei der Jagd nach dem eierlegenden Wollmilchbischof kaum einzuholen. Den Supermanager (Ackermann!?) mag es geben; wenngleich 50 Prozent aller Personalentscheidungen fürs oberste Management sich angeblich als Fehlgriffe erweisen. Der Hirte, dessen Berufsbezeichnung im banalen Wortsinn „Aufseher“ bedeutet, scheitert, wo er sich nicht mit Funktionärsehren begnügt, am eigenen Anspruch – bestenfalls auf hohem Niveau. „Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ“, pointiert der afrikanische Kirchenlehrer Augustinus jene Spannungen zwischen Amt und Person, die nicht wegzukumpeln sind.

Wann immer die katholische Kirche ihr Sommerfest Peter und Paul feiert, ehrt sie die Ursprungskollegialität zweier Antipoden: den Mann, der vor Karrierebeginn seinen Rabbi in der schlimmsten Stunde verleugnet hat, und den ehemaligen Verfolger, der sich selbst als Missgeburt bezeichnete. Die Differenz gehört dazu. Das „Ich bin dann mal weg“-Modell, als Flucht vor dem Dilemma gefühlter Unglaubwürdigkeit, bemisst die Amtsvollmacht am eigenen Vermögen. Das sakramentale Amtsverständnis suggeriert die transzendente Dimension.

Aber hier lässt sich einwenden: Psychiatrien und Friedhöfe sind voll von Gescheiterten, die den Absprung aus der Überforderung versäumt haben! Stimmt. Mehr als sich selbst kann auch ein Bischof nicht einsetzen. Eine Versicherung für das „Ich bin jetzt mal da“-Modell gibt es nicht. Lateinisch heißt das: Adsum.

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