Meinung : Blair bauscht sich auf

Der britische Premier weist alle Vorwürfe empört zurück

Moritz Schuller

Der nackte Kaiser hat sich mit erstaunlicher Leichtigkeit wieder seiner Kleidung bemächtigt: Tony Blair, der vermeintliche Lügner und Kriegshetzer, hat seine Vernehmung vor dem britischen Irak-Untersuchungsausschuss genutzt, um einer Behauptung, die in den vergangenen Wochen fast schon zur Tatsache geworden war, mit aller Kraft entgegenzutreten. Das Dossier seiner Regierung zum Irak, sagte der Zeuge Blair, sei nicht aufgebauscht worden. Der Bericht der BBC, der das behauptete, sei falsch.

In dem Kampf, der sich seit Tagen vor Lord Huttons Tribunal abspielt, hat sich die Regierung nun einen kleinen Vorsprung erarbeitet. Blair trat mit jener moralischen Emphase auf, die ihn lange ausgezeichnet hatte, die nach dem Tod des Waffenexperten David Kelly aber nur noch hohl wirkte. Der Blair der „Hutton Inquiry“ war wieder jener, der vor dem Krieg das britische Parlament so eindrucksvoll auf seine Seite ziehen konnte. Das Überzeugende damals wie gestern war die Einfachheit der Argumentation: Auf den Vorwurf, seine Regierung habe das Dossier bewusst mit falschen Fakten angereichert, sagte Blair zwar, dass diese Informationen vom Geheimdienst kamen und als glaubwürdig gelten durften. Vor allem aber gab er sich empört: Wenn das wirklich passiert wäre, wäre ich natürlich sofort zurückgetreten.

Auch bei dem zweiten Vorwurf, durch die Veröffentlichung seines Namens habe die Regierung David Kelly den Medien-Haien zum Fraß vorgeworfen, drehte Blair den Spieß schlicht um: Es sei ein Gebot der politischen Aufrichtigkeit gewesen, alle Fakten auf den Tisch zu legen. Geradezu stolz konnte er so die Verantwortung dafür übernehmen, dass der Name der BBC-Quelle bekannt wurde.

Dass Blair so ausnehmend auf seine eigene Glaubwürdigkeit setzte, die zuletzt doch so stark gelitten hatte, spricht für sein ungebrochenes Selbstbewusstsein. Ebenso die Attacken gegen die BBC, die er in den Mittelpunkt seiner Aussagen rückte. Aus der Welt könnten diese ungeheuerlichen Vorwürfe nur geschafft werden, wenn die Journalisten sie zurücknähmen. Die Panik und der unangemessene Aktionismus, die der Bericht der BBC in der Downing Street 10 ausgelöst hatte – für Blair vor allem Ausdruck für die Ernsthaftigkeit, mit der dieser Vorwurf behandelt wurde.

Vor dem Untersuchungsausschuss gelang Tony Blair noch einmal die Gratwanderung zwischen Empörung und Selbstgerechtigkeit, zwischen Show und Scham. Er bot, was er am Besten kann. Er tat es aber auf einem Kampfplatz, auf dem es inzwischen nur noch Verlierer geben kann.

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