Bleibt bei uns! : Wahlkampf nervt, doch wann gibt es sonst Chancen zum Dialog?

Bloß gut, dass dieser Wahlkampf vorbei ist. Überfreundliche Politiker auf Straßen und Plakaten braucht doch niemand. Oder? Wenn der letzte Kandidat abgehängt ist und die Politik wieder im Saal stattfindet, werden wir sie vermissen.

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Auf Nummer sicher: Eine Koalition mit den Piraten würde für eine stabile linke Mehrheit in Berlin sorgen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dpa/Davids
18.09.2011 12:10Auf Nummer sicher: Eine Koalition mit den Piraten würde für eine stabile linke Mehrheit in Berlin sorgen.

Jeden Morgen lächeln sie mich an. Wenn ich mit dem ersten Kaffee in der Hand aus meinem Schöneberger Fenster schaue, blicken sie freundlich zurück. Wenn ich mich aufs Fahrrad schwinge, grüßen sie mich auf jedem Grünstreifen, an jeder Straßenecke. Sie warten auf mich, wenn ich abends nach Hause komme. Sie trotzten den Witterungen dieses verregneten Sommers, waren vertraute Konstante und Anker im Sturm der Ereignisse. Wann sieht man schon mal so viele freundliche Gesichter in Berlin wie auf den Wahlplakaten? Sie schweben mit ihrer positiven Ausstrahlung über dem Alltagsmuff der Stadt, über den motzenden Menschen auf den Straßen: „Was sollen eigentlich diese blöden Plakate? Ich wähl den doch nicht, weil ich seine Mütze schick finde!“

Ich mag die Mütze von Lars Oberg (SPD), auch den Milchbubibart von Christian Zander und die hochtoupierten roten Haare von Monika Thamm (beide CDU) habe ich irgendwie lieb gewonnen, genauso wie den Spruch des Grünen Jürgen Roth: „Außen Roth – innen grün“. Die Penetranz, mit der diese Menschen mir entgegenlächeln, die Vehemenz, mit der sie von mir gewählt werden wollen, beeindruckt mich. Wie zu einem stadtinternen Casting treten die Kandidaten an. Wer kriegt ein Recall-Ticket für die Koalitionsverhandlungen? Wir Bürger werden am Wahlsonntag zu Juroren über Gesichter, von denen wir viele noch nie gesehen hatten. Und genau da liegt das Problem.

Im Wahlkampf ist die Politik so nah am Bürger wie sonst nie. Nicht nur, weil die Kandidaten so freundlich von den Laternenpfählen lächeln. Sondern vor allem, weil sie in den Wochen bis zur Abgeordnetenhauswahl zum Dialog mit den Bürgern gezwungen werden. Das gilt weniger für die Spitzenkandidaten als vor allem für die Direktkandidaten aus den Wahlkreisen.

Eine Freundin hat rote Äpfel an Erstklässler verteilt, Luftballons und Radiergummis. Sie hatte Angst vor Beschimpfungen, doch die Eltern freuten sich über die Farbtupfer in der Federtasche und das Interesse an ihren Kindern. Die Freundin stand zuletzt häufig auf der Monumentenbrücke und verteilte Flugzettel und Wahlprogramme. Das Interesse war mäßig. „Ich wähle CDU“, riefen ihr die Leute abschätzig zu. Oder sagten cool: „Ich bin Pirat.“ Genervt winkten viele Passanten ab, griffen reflexartig nach den Luftballons, Dialog wollten die wenigsten. Trotzdem bleibt immer irgendwas hängen.

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