Meinung : Bulgarien: Sophias Gysi

Christoph von Marschall

Bulgarien? Wen interessiert Bulgarien. Aber diese Begleitumstände können die Fantasie schon anregen: Da gewinnt ein Ex-König, den die Kommunisten 1946 ins Exil vertrieben hatten, eine demokratische Wahl - zudem einer aus dem deutschen Fürstenhaus Sachsen-Coburg-Gotha. Renaissance der Monarchie auf dem Balkan? Auch in Rumänien, Serbien/Jugoslawien und Albanien hat dieser Gedanke bisweilen Konjunktur.

Zweitens ist erstmals seit der Wende 1989 ein in ganz Osteuropa gültiger Mechanismus durchbrochen worden: der Pendelschlag von Links nach Rechts und beim nächsten Mal wieder zurück. Von Polen über Ungarn bis Bulgarien wechselten Links und Rechts einander Wahl für Wahl ab. Regierten die Ex-Kommunisten, gewannen garantiert die bürgerlichen Ex-Dissidenten die nächste Wahl - und umgekehrt. Da in Bulgarien zuletzt die bürgerliche Rechte an der Macht war, wäre nun wieder die Linke an der Reihe gewesen. Doch der frühere Zar machte das Rennen. Die bisherige Regierung stürzte auch nicht ins Bodenlose, sondern liegt auf Platz zwei, vor der sozialistischen Opposition. So etwas hat es in den jüngsten zwölf Jahren nirgends gegeben. Auch das ein neuer Trend für die anstehenden Wahlen in Polen im Herbst und in Ungarn 2002?

Gemach. Dieses Ergebnis wurde nur dank bulgarischer Besonderheiten möglich, die die unterschwelligen Trends in der Gesamtregion so sehr verstärkten, dass sie nun offen zu Tage liegen. Von einer wirklichen Renaissance der Monarchie kann bei genauem Hinsehen keine Rede sein - dafür sprach sich in mehreren Umfragen nur eine Minderheit aus. Der 64-jährige Simeon II. verdankt seinen Sieg der Sehnsucht nach einem Retter, der das verarmte Balkanland aus der Misere führen soll. Mit seinem unideologischen Stil, der gewählten Sprache, stets braungebrannt und im Maßanzug hat er die Aura eines Stars geschaffen, der über den Parteien steht und für fast jeden Auftritt gut ist - man könnte ihn fast Bulgariens Gysi nennen. Freilich fliegen ihm darüber hinaus die Stimmen der gläubigen Orthodoxen zu.

Diese persönliche Popularität verstärkte den Grundmechanismus, der bisher auch anderswo zu Machtwechseln geführt hatte. Ob Links oder Rechts: Keine Regierung konnte die Hoffnungen der Bevölkerung auf rasche Besserung der Lebensverhältnisse erfüllen. Und deshalb bekam bei der nächsten Wahl jeweils das Gegenlager seine Chance. Doch die Sozialisten hatten Bulgarien, als sie 1994-97 regierten, in eine schwere Wirtschaftskrise gestürzt, an deren Ende Hungerdemonstrationen durch Sofia zogen, bei denen ohrenbetäubend auf leere Kochtöpfe geschlagen wurde. Die Linke hat für einige Zeit jeden Kredit verspielt. Deshalb zog Simeon die Stimmen der Enttäuschten auf sich - vor allem auf dem Land, in den verarmten Unterschichten und bei den bulgarischen Zigeunern. Er warb auch mit seiner Wirtschaftserfahrung: als erfolgreicher Geschäftsmann in Spanien.

Dieses Muster hat es in ex-kommunistischen Staaten bereits gegeben, etwa bei der polnischen Präsidentenwahl 1990, als der zwielichtige Kaufmann Tyminski erst in der Stichwahl gegen Lech Walesa scheiterte: Viele hatte er damit beeindruckt, dass er es in Amerika zum Millionär gebracht hatte.

Simeon wirbt für sich mit einer bunten Mischung aus seriösem Auftreten und populistischen Zusagen. Er hat alles Mögliche versprochen: rasch steigende Einkommen für alle, billige Kredite für Kleinunternehmer, das Ende der Korruption, rasche Aufnahme in EU und Nato. Immerhin, nicht in hundert Tagen, er will sich nach 800 Tagen an seinem Programm messen lassen.

Bei soviel nationalen Eigenheiten, lassen sich da aus dem Fall Bulgarien überhaupt Rückschlüsse auf Trends in den jungen Demokratien Ostmitteleuropas ziehen? Manches lässt sich schon ins Allgemeingültige wenden, etwa das Ende des automatischen Pendelschlags. In Polen im Herbst wird es noch einmal anders sein. Das regierende nationalkonservative Bündnis AWS wird einen bösen Absturz erleben, die - inzwischen sozialdemokratische - Linke die Macht übernehmen. Das hat aber damit zu tun, dass das Parteienspektrum nur auf der Linken gefestigt ist, in der Mitte und auf der Rechten hingegen noch instabil. In Ungarn ist das anders. Dort ist es dem liberalkonservativen Premier Viktor Orban - nach ähnlichen Zerfaserungen des bürgerlichen Lagers in früheren Jahren wie heute noch in Polen - gelungen, eine schlagkräftige Partei zu schmieden. Er könnte 2002 zum ersten Regierungschef in Osteuropa werden, der wiedergewählt wird.

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