Meinung : Buße, die man gerne tut

Die Sammlung Flick als neuer Umgang mit Erbe und Verantwortung

Harald Martenstein

Friedrich Christian Flick, genannt Mick, gehört zu einer Art Lost Generation. Es sind die aus der Art geschlagenen Erben. Ihre Väter, Großväter und großen Brüder haben das Nachkriegsdeutschland, seine Wirtschaftsmacht und seine Vergangenheit repräsentiert. Aus Jan Philipp Reemtsma ist ein Sozialwissenschaftler und Essayist geworden, aus Harry Rowohlt ein Autor und Übersetzer. Mick Flick wurde Kunstsammler und Partylöwe. Von Macht und Politik im engeren Sinn halten sie alle sich fern. Manchmal holt die Familiengeschichte sie trotzdem ein.

Flicks Großvater war ein Helfer der Nazis, ein verurteilter Verbrecher. Dafür kann der junge Flick nichts. Er erbte Geld, an dem „Blut klebt", wie oft gesagt wird. Der junge Flick hat dieses Geld vermehrt und davon zum Teil Kunst gekauft, moderne Kunst, wie die Nazis sie hassten und „entartet" nannten. Der junge Flick war als Privatperson nicht verpflichtet, in den Zwangsarbeiterfonds einzuzahlen, der den ehemaligen Arbeitssklaven seines Vaters eine eher symbolische „Entschädigung" zahlt. Forderungen, dies trotzdem zu tun, hat er ignoriert. Stattdessen gründete er eine Stiftung für Zivilcourage und gegen Rassismus. Und nun will er seine Sammlung der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, in Berlin.

In Zürich haben sie dieses Angebot ausgeschlagen. Die Grünen sagen, Berlin beteilige sich, indem es die Leihgabe annimmt, an der Rehabilitierung des Namens Flick. Das ist in zweifacher Hinsicht falsch. Niemand wird jemals die Nazis und ihre Helfer von ihrer Schuld reinwaschen können, auf keine Weise. „Wiedergutmachung", zum Beispiel an die ehemaligen Zwangsarbeiter, hat nicht die Funktion eines Ablassbriefes oder eines Bußgeldes. Der Name „Wiedergutmachung" ist falsch und anmaßend. Leute bekommen eine Entschädigung, weil sie ihnen zusteht, weiter nichts. Das ist das eine. Auf der anderen Seite: Der Name Flick muss nicht „reingewaschen" werden. Denn es gibt keine Kollektivschuld, weder von Völkern noch von Familien. Schuldig wird man wegen seiner eigenen Taten, nicht wegen der Abstammung. Niemand ist schuldig, weil er zufällig in Deutschland geboren wurde oder mit dem Namen Flick.

Wenn Friedrich Christian Flick die Taten oder die Gesinnung seines Großvaters rechtfertigen würde, wenn er ein Enkel im Geiste wäre, dann müsste Berlin sein Angebot ablehnen. Aber das ist nicht der Fall. Trotzdem führt einen diese Sache zum Kern unseres deutschen Selbstverständnisses, zu unserem Jahrhundertthema, dem Umgang mit der NS-Vergangenheit.

Die Erinnerung an den Holocaust und an die Naziverbrechen hat in zwei Ländern Züge einer Ersatzreligion angenommen, in Deutschland und in Israel. Es gibt Rituale und Zeremonien, Feiertage und Tabus, rituelle Vorschriften und Bekenntnisse, heilige Orte, Sünden und Todsünden. Das muss man nicht kritisch sehen. Es ist der Größe der Verbrechen und ihrer historischen Einmaligkeit angemessen, vielleicht ist es gut so und genau richtig.

Wenn das aber so ist, dann gilt für diese Ersatzreligion das Gleiche, was für das Christentum und die anderen Religionen gilt. Es führen mehrere Wege zum Glauben, und der Glaube erstarrt zur Pose, wenn er sich allzu sehr auf die eingefahrenen Rituale verlässt. Mick Flick zum Beispiel wollte seine eigene Anti-Rassismus-Stiftung und sammelt genau die Kunst, zu deren geplanter Vernichtung sein Großvater finanziell beigetragen hat. Das ist seine Art, mit dem Erbe und seiner Verantwortung umzugehen. Es entspricht nicht ganz dem vorgeschriebenen Ritual, vielleicht ist es falsch, vielleicht spielen eigennützige Motive eine Rolle. Darf irgendwer deswegen einen Bannfluch über ihn aussprechen?

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