C-Promis im Camp : Im Dschungel der Unterhaltung

Das Dschungelcamp ist Trash, es geht um Schadenfreude. Stimmt. Die Grenze zwischen Trash und Hochkultur ist allerdings fließend, wussten Sie das? Warum ich das anschaue.

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Unser Autor Harald Martenstein.
Unser Autor Harald Martenstein.Foto: ddp

Jeder zehnte Deutsche schaut das Dschungelcamp auf RTL an, auch ich tue dies gelegentlich, um mich von meiner üblichen Abendbeschäftigung, der Robert-Musil-Lektüre und der Komposition meiner ersten Oper, zu erholen. Ich halte diese Sendung für recht unterhaltsam und keineswegs für moralisch verwerflich. Auffällig ist, dass sie bei ihren Verächtern eine Menge Aggression hervorruft. Schauen Sie ins Internet, lesen Sie die Kommentare zu irgendeinem beliebigen Text übers Dschungelcamp. Auch dieser Text hier wird Beschimpfungen provozieren, da bin ich sicher. Was genau regt euch auf, Leute?

Das ist Trash, es geht um Schadenfreude. Stimmt. Die Grenze zwischen Trash und Hochkultur ist allerdings fließend, wussten Sie das? Schauen Sie sich einen Tarantino-Film an, lesen Sie ruhig mal einen Comic. Von der Schadenfreude und anderen niederen Instinkten (Voyeurismus! Ekel! Sensationsgier!) lebt das Unterhaltungsgewerbe seit Tausenden von Jahren, Artisten unter der Zirkuskuppel, Filmgenres wie Action und Horror, Striptease, Kickboxen und sogar Fußball. Verzeihen Sie sich, dass Sie kein Heiliger sind. Fast niemand ist das.

Das sind C-Promis, die für Geld alles tun. Warum diese abfällige Rede über Leute aus dem Showbiz, die beruflich eine Pechsträhne hatten? Immerhin strengen sie sich an. Sie kämpfen. Nehmen Sie sich ein Vorbild, statt sich auf bequeme Häme zurückzuziehen! Und für Geld tun wir doch auch so dies und das, seien wir ehrlich, es sei denn, wir sind reiche Erben oder Hartz IV. Leute, die für Geld alles tun, und manchmal wirklich üble Sachen, heißen „Bankmanager“.

Irrelevant! Sind Sie sicher? Der stoische Dschungelbewohner Rainer Langhans bewirkt gerade einen Imagewechsel der 68er, zum Positiven. Junge Leute finden ihn cool. Er wirkt nicht so verbissen wie Joschka Fischer, auch sozial kompetenter. Das ist Unterschichtfernsehen. Stimmt nicht ganz. Warum sagen Sie das eigentlich? Sind Sie ein Mitglied der Mittelschicht mit Abstiegsängsten und Abgrenzungsbedürfnissen, oder verachten Sie die Unterschicht einfach so, ohne besonderen Grund? Sie reden ja schlimmer als Sarrazin. Einfach niveaulos. Für die ironischen Moderationen von Dirk Bach und Sonja Zietlow gilt das jedenfalls nicht. Die zitieren sogar Sartre. Kennen Sie Sartre? Guter Mann.

Wie weit soll die Verblödung noch gehen? Gegenfrage: Auf welches goldene Zeitalter, in dem niemand verblödet wurde, beziehen Sie sich? Die Zeit, in der Dieter Thomas Heck die „Hitparade“ moderiert hat? War ihre Welt damals in Ordnung, oder sind Sie eher ein Fan des 19. Jahrhunderts, als viele noch Analphabeten waren, und ihren Goethe mühsam auswendig lernen mussten?

Ich schau das nicht an. Okay. Und warum regen Sie sich dann auf?

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