Charité : So kann Berlin nicht Weltspitze sein

Immer wieder zündeln Berliner Politiker an der Charité, vor allem am Benjamin-Franklin-Klinikum. Doch Europas größte Uniklink braucht Sicherheit: Das Hin und Her des Senats ist zum Verzweifeln.

Tilmann Warnecke

Es geht wieder hoch her an der Berliner Charité. In der Diskussion um die Zukunft des Steglitzer Benjamin-Franklin-Klinikums hat der Vorstand jetzt zu drastischen Maßnahmen gegriffen – und kritischen Professoren einen Maulkorb verpasst. Sie sollen öffentlich nicht mehr sagen dürfen, wie sie sich die Zukunft ihres Klinikums vorstellen. Ein Skandal.

Dabei müsste sich der Vorstand gar nicht so entblößen. Denn in der Diskussion um Steglitz hat er gute Gründe auf seiner Seite. FUPräsident Dieter Lenzen will den Campus Benjamin Franklin aus der Charité herauslösen und Steglitz wieder zu einem eigenständigen FU-Klinikum machen. Ein Plan, der in mehrfacher Hinsicht fragwürdig ist. Lenzen wäre wohl auf einen privaten Investor angewiesen, der ihm bei der Krankenversorgung und bei der Sanierung des Klinikums unter die Arme greift. Wissenschaftlern muss bei dem Szenario angst und bange werden. Private Klinikkonzerne interessieren sich nicht für exzellente Forschung. Sie wollen, dass ihre Mediziner – auch die Spitzenwissenschaftler – in der einträglichen Krankenversorgung ranklotzen.

Dubios mutet auch die Beratungsfirma an, die sich Lenzen für seine Pläne an Bord geholt hat. Es ist die Firma, die sich schon bei den Kosten für das Bettenhochhaus in Mitte massiv verkalkulierte. Seriöse Planung sieht anders aus.

Dennoch forciert Lenzen das Thema jetzt zu Recht in der Öffentlichkeit. Er stößt damit in ein Vakuum, das in der Berliner Politik seit langem besteht. Denn wo der Senat mit der Charité hin will, ist immer noch unklar.

2003 wurden das BenjaminFranklin-Klinikum, das Weddinger Virchow-Klinikum und der Standort Mitte der Charité fusioniert. Europas größte Unimedizin entstand. Endlich sollte es Planungssicherheit geben, die endlosen Schließungsdebatten der Vergangenheit angehören. Doch davon ist seitdem nichts zu merken.

Das Gegenteil ist der Fall: Immer wieder zündeln Berliner Politiker an der Charité, vor allem am Franklin-Klinikum. Erst im März stellte der damalige Finanzsenator Thilo Sarrazin den Standort Steglitz zur Disposition. Sein Nachfolger Ulrich Nußbaum sperrte einen Teil der Investitionen für die Charité. Er will erst einen neuen Zukunftsplan sehen, der auch den landeseigenen Krankenhauskonzern Vivantes umfassen soll. Dass Forscher genauso wie der FU-Präsident an diesem Hin und Her verzweifeln, ist verständlich.

Der Regierende Bürgermeister sollte endlich ein Machtwort sprechen – und Prioritäten für die Stadt setzen. Berlin will in der Wissenschaft wie in der Gesundheitsbranche zur Weltspitze gehören? Dann muss der Senat das Geld in die Hand nehmen, um das Benjamin-Franklin-Klinikum zu erhalten und die Charité als Ganzes zu stärken. Große Konzerne wie unlängst das Pharmaunternehmen Pfizer kommen nicht wegen einer neuen Kunsthalle nach Berlin – sondern weil sie eine Forschungslandschaft vorfinden, die in Deutschland ihresgleichen sucht.

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