Meinung : Da kann man nie sicher sein

Veränderung ist immer. Bleibt die Frage: Wie viel wollen wir wirklich?

Stephan-Andreas Casdorff

Paul Nolte hat einen Nerv getroffen, nicht wahr? Die Mittelschichten: Sie wollen umsorgt sein, aber nicht betreut. Sie wollen sichergehen, dass sie sich auf etwas verlassen können. Dass jemand weiß, was er tut. Und sie sind die Mehrheit. Wie sicher muss die Mitte sein? Ist sie, sind wir etwa Sicherheitsfanatiker? Da beginnt eine große Debatte.

Sicherheit ist allerdings ein selbstverständliches Bedürfnis. Leben, Gesundheit, Eigentum, alles soll sicher sein, gesichert werden. Wer liebt schon das Risiko? Wenige. Es sei denn, es ist kalkuliert und führt zum Erfolg. Im Gegensatz zur Unsicherheit. Schon das Wort „Globalisierung“ wird nach jüngsten Umfragen von einer Mehrheit als aggressiv empfunden. Es kennt ja alles auch keine Grenze mehr: Technischer Fortschritt. Kommunikationsmittel, die in jeden Winkel reichen. Einwanderung. Fremde Kulturen, zum Greifen nah. Die Folge ist psychologisch: Abwehr.

Keine Experimente, dafür wählte die Mehrheit sogar Kanzler, unseren ersten, Konrad Adenauer. Dafür wurde auch Schröder wiedergewählt. Und wenn der dazu noch etwas versucht, was es bisher nicht gab, wenn er an die soziale Sicherheit rührt, ohne Weg und Folgen vorher genau zu erklären, verliert er dramatisch an Zustimmung. Kühn sein sollen die anderen.

Aber Veränderung ist immer. Reformen sind und waren immer nötig. „In einer so schnell sich verändernden Welt kann nur bewahren, wer zu ändern bereit ist. Wer nicht verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte“, hat Gustav Heinemann gesagt – und Rita Süssmuth gerne zitiert. Soziale Sicherheit bedeutet deswegen im engeren Sinne: Allen Mitgliedern einer Gesellschaft einen menschenwürdigen Lebensstandard zu sichern. Und im weiteren Sinne: Eine aktive Arbeitsmarktpolitik, eine, die nicht den Mangel verwaltet, sondern einen neuen Ansatz gestaltet. Ein sozialer Wohnungsbau. Ein starkes Bildungswesen. Eine ausgleichende Steuerpolitik. Das versprechen sie übrigens alle.

Sicherheit sucht der, der Angst hat; und Unsicherheiten können gerade nach diesen vielen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte nur wenige ertragen. Zwei Beispiele: Forderte ein Politiker von Arbeitslosen, die für diesen Fall auf soziale Sicherheit bauen, dorthin auszuwandern, wo es Arbeit gibt, was da wohl los wäre. Oder verlangt ein Politiker, die Pflegeversicherung in Frage zu stellen, weil sie so, wie sie ist, unfinanzierbar geworden ist – gefährlich.

Absolute Sicherheit ist eine Utopie. Dass es bei Verbrechen und Terror so ist, können wir akzeptieren; wir können uns da auch gut wundern über die Amerikaner, die nach den Anschlägen von 2001 die Bürgerrechte deutlich eingeschränkt haben. Aber von der anderen Utopie wollen wir nicht lassen. Sagen die repräsentativen Umfragen: Die Mehrheit, Noltes Mittelschichten, Schröders und Merkels Mitte, will im Sozialen alle Risiken ausschalten, die absehbar sind. Nur wird immer weniger absehbar.

Eine Mehrheit hier gehört zu der Hälfte der Menschheit, die fürchtet, in Zukunft weniger sicher leben zu müssen. Gehört zu den zwei Dritteln in Europa, die glauben, dass ihre Kinder weniger gesichert leben werden als sie selbst. Und wenn eine Mehrheit der Deutschen geradezu fanatisch nach Sicherheit strebte – allein wäre sie damit nicht.

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