Meinung : Da stößt Europa an seine Grenze

Zypern und die Einheit: Warum die Chancen sinken

Christoph von Marschall

Christus kam nur bis Eboli – und Europa schafft es nur bis Süd-Nikosia, den griechischen Teil Zyperns. Für die türkischen Zyprioten im Norden bleibt der Traum vom raschen Sprung in die Zukunft, vom Sieg über die alten Feindschaften ebenso unerfüllt wie für die Bergdorfbewohner des Mezzogiorno in Carlo Levis hinreißendem Roman über den kargen Süden Italiens, den Francesco Rosi 1978 kongenial verfilmte.

Die Hoffnung, die Spaltung der Insel durch Integration in die EU zu überwinden – zum 1. Mai, dem Symboldatum der Rekonstruktion Europas durch Erweiterung – wird wohl an den Volksabstimmungen an diesem Wochenende scheitern. Nicht im türkischen Teil, aber im griechischen, der auch ohne Einheit in die EU kommt. Die alten Ressentiments sind stärker als die Freude, eine Sternstunde der Menschheit herbeiwählen zu dürfen. Aber das ist so – und das ist der Skandal –, weil die Politdinosaurier der Teilungszeit alles tun, um die Verbitterung wach zu halten und Versöhnung zu verhindern. Sie erhalten dabei Unterstützung von den alten Alliierten: hier die Griechen von Russland.

Moskau verhindert per Veto eine UN-Resolution, die vielleicht geholfen hätte, die Furcht der Zyperngriechen vor den türkischen Truppen im Norden zu zerstreuen: durch Aufstockung der UN-Friedenstruppen und der internationalen Polizei. So kurz vor der Volksabstimmung wäre das eine unzulässige Einmischung, behauptet Russland. An Scheinheiligkeit können es Putins Leute leicht mit der Sowjetunion aufnehmen.

Den Friedensplan für Zypern hat Kofi Annan gezimmert. Müsste es nicht selbstverständlich sein, dass jedes UN-Organ den Generalsekretär aktiv unterstützt? Einmischung ist in diesem Fall kein Vergehen, sondern Pflicht. Nicht nur die UN, auch EU-Politiker dürfen sich aktiv in diesen Wahlkampf einschalten. Erst recht, wenn sie sehen, dass Zyperns Volksgruppenführer entgegen ihren hochheiligen Versprechen die Einigung hintertreiben. EU-Kommissar Günter Verheugen klagt, der lange Arm der griechisch-zypriotischen Regierung habe bis in die Medien gereicht; in Interviews mit ihm sei eingegriffen worden. Es gibt nur ein pragmatisches Argument, das für Zurückhaltung spräche: Die Sorge, ob eine zu penetrante Parteinahme den Trotz mancher Wahlbürger stärkt.

So bleibt nur die Hoffnung, dass die Gespräche mit der Türkei über ihre Annäherung an die EU auch Zypern eine neue Chance auf Einheit eröffnen. Damit die türkischen Zyprioten nicht ganz so lang auf Europa warten müssen wie die Dörfler im Mezzogiorno auf die Rettung vor der Malaria.

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