Darüber spricht die ganze … : …Schweiz

Jan Dirk Herbermann über eine Initiative, Schusswaffen in den eigenen vier Wänden abzuschaffen.

Jan Dirk Herbermann

Ein Volk in Waffen. Hunderttausende Sturmgewehre, Karabiner und Pistolen lagern und zirkulieren in der Schweiz – ohne staatliche Kontrolle. Das kommt so: Zwischen den Wehrübungen deponieren die Soldaten der Schweizer Armee ihre Schusswaffen zu Hause. Die einen verstecken das Gewehr im Keller; bei anderen soll der Karabiner noch im Schrank liegen. Das Schießgerät in den eigenen vier Wänden ist Teil der helvetischen Mythologie. Ein wackerer Wehrmann muss jederzeit mit Waffe dem eindringenden Feind entgegentreten können. Jedoch ist der nationale Ernstfall seit Jahrhunderten ausgeblieben, vielleicht sind unsere Nachbarn deshalb so stolz auf ihre Truppe.

Jetzt aber gehen Linke und Pazifisten zum Angriff über. Sie fordern: Das Gewehr soll nach Dienstende in den Zeughäusern verschwinden. Die Sozialdemokraten sammeln schon Unterschriften für eine Volksabstimmung. Bei der konservativen Militärkaste schrillt der Alarm. „Der Bürger mit der Waffe ist der Wegbereiter der Demokratie, man nehme etwa den Sturm auf die Bastille 1789“, schnarrt Major Werner Gartenmann, Vizegeschäftsführer der isolationistischen Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz.

Symbolisiert die Waffe im Schrank tatsächlich die Macht des Volkes? Die Gegner der Flinten schütteln da nur den Kopf. Ihr bestes Argument: Jedes Jahr sterben nach einer Untersuchung des Kriminologen Martin Killias an die 300 Menschen durch Armeewaffen. Suizid, die Ehefrau wird erschossen, auch außerhalb des Heims kommen die Knarren zum tödlichen Einsatz. Und: Mit den Gewehren lässt sich gut drohen. „Wollen wir weiterhin jährlich fast 300 durch Pistolen und Sturmgewehre und Karabiner getötete Menschen hinnehmen und dafür eine Tradition aufrechterhalten, welche angeblich den Wehrwillen stärkt?“, fragt Killias.

Andere Schweizer verweisen auf die „militärische Situation“. Der sozialdemokratische Major Daniel Jositsch analysiert: „Mir ist niemand bekannt, der behauptet hätte, es brauche das Gewehr zu Hause, damit das Land verteidigt werden kann.“ Und er höhnt: „Wir werden auch nicht hinterrücks von Österreich oder Deutschland überfallen.“ Jositsch wollte ein Exempel statuieren. Freiwillig versuchte er, sein Gewehr in einem Zeughaus abzugeben. Er musste es wieder mit nach Hause nehmen. Am stärksten machen die Schweizerinnen gegen die Waffe im Haus mobil. Ellen Ringier, die aus einer Offiziersfamilie stammt, betont: „Mir wäre auch unwohl, wenn mein Mann eine Giftschlange halten würde.“

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