Darüber spricht ganz … : …Amerika

Christoph von Marschall über ein neu aufgetauchtes Benimmbuch für US-Soldaten im Irak – aus dem Jahre 1943

Christoph von Marschall

Es ist der Knüller dieses Sommers. Das Büchlein ist zwar kein Bestseller im klassischen Sinn, aber wenn ein Universitätsverlag bereits nach einem Monat zwei Auflagen einer Publikation (10 000 Stück) verkauft hat, die dritte druckt und die vierte vorbereitet, dann darf man das einen akademischen „Blockbuster“ nennen. Die Chicago University Press hat das 44 Seiten dünne Heftchen von 1943 ausgegraben: „Anleitung für amerikanische Soldaten, die während des II. Weltkriegs im Irak dienen“. Hätte das Pentagon in den eigenen Archiven gekramt, ehe es das neue „Army Field Manual“ zur Bekämpfung Aufständischer herausgab – dessen Koautor General David Petraeus ist, Präsident Bushs neuer Oberbefehlshaber im Irak –, wären ihm ermüdende Debatten erspart geblieben. Und nun der Spott. Der kommt bekanntlich nach dem Schaden.

„Erfolg oder Versagen im Irak hängen davon ab, ob die Iraker amerikanische Soldaten mögen oder nicht“, wird der Ton auf Seite 1 gesetzt. „Den meisten Amerikanern und Europäern gefällt der Irak nicht auf Anhieb. Aber die meisten ändern ihre Meinung, wenn sie ein paar Wochen dort sind und Kontakt zu den Irakern knüpfen.“ Der beste Weg, sich gegen die Agenten Hitlerdeutschlands durchzusetzen und Freunde zu gewinnen, „sind ein paar Brocken Arabisch, und sei es noch so schlecht. Die Menschen werden es mögen.“ Das Bändchen macht ein paar Vorgaben: „Bitte sprechen Sie langsam!“, „Wo ist eine Gaststätte?“, „ Bitte zeigen Sie in die Richtung!“ Heute lernen die US-Soldaten ganz andere Vokabeln: „Nicht bewegen!“, „Waffe fallen lassen!“, „Flach auf den Boden legen!“

Weitere praktische Ratschläge 1943: Unter keinen Umständen ein Sonnenbad nehmen. Lerne, dich draußen im Freien zu erleichtern und immer eigenes Toilettenpapier dabeizuhaben. Und: Fernhalten von Moscheen. Gerade die Erläuterungen zur Religion im Alltag hätten eine große Hilfe sein können, als er 2003 in der aufrührerischen Anbar-Provinz Dienst tat, sagt Oberstleutnant John Nagl, Kommandeur einer Panzereinheit aus Fort Riley, Kansas. Zum Beispiel die Warnung, dass Moslems im Fastenmonat Ramadan schneller die Beherrschung verlieren. Seine Truppe wäre besser vorbereitet gewesen auf manch befremdlich wirkendes Verhalten und das Ansteigen der Gewalt in jenen Tagen. Nagl kopiert Teile des Büchleins und verteilt sie an Kameraden, die in den Irak aufbrechen. Das sei keine Kritik am heutigen Feldhandbuch. „Es hilft uns, mit den Irakern klarzukommen. Und das ist doch das Ziel von General Petraeus.“

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