Meinung : Das Böse liegt in der Routine

Auch ein Prozess nimmt Eschede nicht das Tragische

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Von Gerhard Mauz

RECHTSWEGE

Darüber, dass der Mensch zu allem fähig ist, besteht seit langem Einverständnis. Das gilt für das Gute und für das Böse. Nur, was ist gut, was böse?

Des Rechtes Wege, die ja nicht mehr als der Versuch sein können, dem näher zu kommen, was wir als Gerechtigkeit vermuten, sind besonders heikel, wenn es um erlittenen Schaden geht. Nach dem Zugunglück von Eschede hat die Deutsche Bahn für jedes Todesopfer 30 000 Mark, also gut 15 000 Euro gezahlt. Jetzt aber wird dem Bahn-Ombudsmann Otto Ernst Krasney vorgeworfen, nur um die Imagepflege der Bahn AG bemüht gewesen zu sein: „Die Hinterbliebenen hatten 500 000 Mark und lebenslang eine Netzkarte erster Klasse verlangt.“ Wünscht man ernsthaft von einer Gaststätte, die verdorbenes Essen servierte, ein Papier, auf das man bis zum Ende seiner Tage gratis in ihr speisen kann?

101 Tote und 105 Verletzte. Und das Grauen angesichts dessen, was man Zufall zu nennen pflegt: Der Zug aus Hamburg kam eine Minute zu früh, der Unglückszug hatte eine Minute Verspätung. Wären beide Züge pünktlich gewesen, so wären sie bei einer Brücke zusammengetroffen und es wäre eine noch größere Zahl von Opfern zu beklagen gewesen. Denn an der Brücke brach ein Radreifen und acht Waggons des Unglückszuges hatten sich quer gestellt und waren dann zerborsten. An die 50 Zeugen werden in dem Strafverfahren gegen zwei Bahnbeamte und einen Techniker des Radherstellers gehört werden. Eine schwere Last für die Justiz in Celle.

Am Unglücksort ist es zu groben Fehlern gekommen. Schrotthändler sollen schon wenige Stunden nach dem Unglück Teile des ICE abtransportiert haben. Auch haben zwei Mitarbeiter des Eisenbahnbundesamtes Teile eines abgebrochenen Reifens eingepackt. Sie wollen nicht gewusst haben, dass Beweismittel, schon wegen der Spurensicherung, nicht entfernt werden dürfen. Sie brachten dann vor, dass sie schließlich keine Fachleute seien.

Es ist nicht das Böse, an das man in solchen Fällen gerät. Man tappt in Schlamperei hinein. In Routine, die schläfrig und blind gemacht hat. Was da wieder einmal der Strafjustiz ins Haus kommt – den Richtern gebührt Mitgefühl. Und man kann nur hoffen, dass die Zeugen aussagen,was sie zu sagen haben. Dass ihnen die Solidarität zu den auf und an der Schiene arbeitenden Menschen nicht wichtiger ist als die Wahrheit.

Die Angehörigen der Opfer – man mag nicht an sie denken. Wir haben gerade anlässlich des Gedenkens an den 11. September 2001eine Mutter kennen gelernt, deren Tochter am Flughafen nicht in die Maschine stieg, auf die sie gebucht war. Sie nahm eine Maschine früher, weil noch Plätze frei waren. Diese Maschine wurde ins World Trade Center gesteuert. Die Mutter hat ihrer Tochter ein Grab bereitet, in das ein leerer Sarg versenkt wurde. Es gab keine sterblichen Überreste.

Uns bleibt nur der Dank für die Nichteinhaltung des Fahrplans, für einen barmherzigen Zufall, der uns erspart hat, um noch mehr Menschen trauern zu müssen; der uns erspart hat, noch mehr Angehörigen ein Mitgefühl zuzuwenden, das nichts gegen ihren Schmerz vermag.

Gerhard Mauz ist Autor des Spiegel. Foto: Dirk Reinartz

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