Das Erbe der Teilung : Die Mauer: Unmenschlich, nichts anderes

War die Mauer doch nicht ganz schlecht? Jeder zehnte Berliner ist der Meinung. Ein schockierender Befund. Unmenschlich, so war die Mauer, nichts anderes.

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War die Mauer doch nicht ganz schlecht? Jeder zehnte Berliner ist der Meinung, dass die Teilung der Stadt damals richtig war, ein weiteres Viertel stimmt nach einer repräsentativen Meinungsumfrage dieser Ansicht zumindest teilweise zu. Ein schockierender Befund, 50 Jahre nach dem Mauerbau, der so viel Leid brachte und bis heute spürbare Wunden in die Seelen und die Stadtlandschaft schlug. Es sind nicht nur unbelehrbare SED-Kader oder Linkspartei-Anhänger, die so denken, auch Sympathisanten von CDU, SPD und Grünen halten den Mauerbau für teilweise berechtigt, auch im Westteil der Stadt. Das wird viele empören, die unter drei Jahrzehnten der Teilung gelitten haben. Und es ist ein Hinweis, wie weit die Menschen, nicht die Stadthälften, 20 Jahre nach der Vereinigung noch voneinander entfernt sind.

Aber hat diese Ansicht nicht auch eine historische Berechtigung? Ob nun Walter Ulbricht drängte oder der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow die Mauer als probates Mittel zur Lösung des Berlin-Problems forcierte – auch für die USA ging es darum, den beständigen Krisenherd zu befrieden. Präsident John F. Kennedy suchte einen Ausweg aus der wachsenden Atomkriegsgefahr und wollte verhindern, dass Berlin, der damals gefährlichste Ort der Welt, zum Zünder für ein nukleares Inferno wird. Um West-Berlin zu sichern, gab er die Freiheitsrechte der Ost-Berliner preis. Lieber eine Mauer als ein Krieg, sagte Kennedy intern. Der Bau der Mauer war eine Katastrophe für Berlin, für die USA markierte er die Lösung einer Krise. Es war ein zusätzlicher Propagandaerfolg, dass der Sozialismus die eigene Bevölkerung am Weglaufen hindern musste.

Es gibt aber nichts, was heute noch die brutale Absperrung rechtfertigen oder sogar gutheißen könnte und keinen vernünftigen Grund, das heute zu tun. Wie sehr die tödliche Grenze Berlin in Depression hat versinken lassen, sie ausgezehrt hat, und zwar in beiden Hälften der Stadt, das ignorieren jene, die sich als Wendeverlierer sehen. Worunter Berlin in den Jahrzehnten der Trennung litt, belegt nichts besser als die kraftvolle Entwicklung der Stadt seit dem Mauerfall. Dass es den Menschen besser geht als zuvor, wird aber von vielen trotzig weniger wahrgenommen als die vermeintlichen Verluste, etwa an sozialer Sicherheit. Die Geringschätzung der 1989 gewonnenen Freiheit, die Betonung von Zumutungen und Härten der deutschen Vereinigung findet sich in Ost und West. Das ist das wirklich Bedrückende an der Meinungsumfrage.

Auch viele West-Berliner hatten sich abgefunden mit der Teilung, hatten sich eingerichtet in der alimentierten Halbstadt. Ihnen fehlte das Umland für den Ausflug, nicht aber die Freiheit, in alle Welt zu reisen. Und der Mauerfall hatte für Beschäftigte in West-Berlin einen Preis: Unvergessen sind die Klagen über den Wegfall der üppigen „Zitterprämie“. Dieser Preis für die Einheit in Freiheit aber ist ein weit geringerer, als ihn die Opfer der Teilung zahlen mussten.

Das Leid darf nicht vergessen werden. Allein an den 155 Kilometern Beton und Stacheldraht wurden 136 Menschen ermordet, weil sie die Freiheit suchten. Hinzu kommen Zehntausende, die wegen eines Fluchtversuchs in Haft saßen und dessen Leben und das ihrer Familien zerstört wurde. Welches Argument könnte dies rechtfertigen? Unmenschlich, so war die Mauer, nichts anderes.

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