Meinung : Das Erbe des Mythos

Von Clemens Wergin

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Als Jassir Arafat vor zwei Wochen von Ramallah zu seiner letzten Reise aufbrach, war außer den engsten Getreuen kaum ein Palästinenser gekommen, ihn zu verabschieden. Ganz anders der gestrige Empfang für den Toten: Noch einmal entfachte Arafat jene großen Gefühle, die das Verhältnis der Palästinenser zu ihrem „Vater der Nation“ über Jahrzehnte geprägt haben. Und es zeigte sich noch einmal der Graben zwischen Arafat als mythischer Figur des palästinensischen Nationalismus und Arafat als Politiker. Wie Dennis Ross schreibt, der langjährige Nahostbeauftragte von USPräsident Bill Clinton: „Als ein Symbol musste er nur Leidenschaften entfachen, als politischer Führer hingegen musste er harte Beschlüsse fassen, und was das anbetrifft, war er viel eher ein Entscheidungsvermeider als einer, der Entscheidungen traf.“

Der kühle Abschied, den die Palästinenser Arafat vor zwei Wochen bereiteten, er galt dem gescheiterten, korrupten Politiker, der die Gelegenheit zum Frieden nicht ergriff, als Clinton sie ihm bot, und der sein Volk stattdessen in eine furchtbare militärische Eskalation führte. Gestern hingegen wurde der überlebensgroße Mythos beerdigt. Und selbst wenn viele Palästinenser erleichtert sein mögen, dass nun der Weg frei wird für eine bessere Regierung, so wurde noch einmal deutlich, dass Arafat eine emotionale Leere hinterlässt, die kaum zu füllen sein wird. Von wem auch?

Aber das ist gut so. Denn was die palästinensische Führung jetzt braucht, ist weniger Emotion und mehr kühlen Kopf. Arafats Erbe ist höchst problematisch: Er hat sein Volk nicht darauf vorbereitet, dass ein Staat nur mit schmerzhaften Kompromissen zu haben sein wird. Er hat keinen starken Nachfolger aufgebaut und auch keine funktionierende Verwaltung. Er hat eine Kultur der Korruption etabliert und hinterlässt einen zersplitterten Sicherheitsapparat. Das wäre schon in Friedenszeiten eine schwere Belastung für jede Regierung. Nur mit viel Glück und Geschick wird es der neuen Führung daher gelingen, sich zwischen den Israelis auf der einen und den Terrororganisationen auf der anderen Seite politischen Spielraum zu erkämpfen. Es wird ein weiter Weg vom mythischen zum realen Palästina.

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