Meinung : Das hohe C Die CDU war nie eine kapitalistische Partei

Alexander Gauland

Es war, als ob der Gott- sei-bei-Uns persönlich von Jürgen Rüttgers Besitz ergriffen hätte. Dabei hatte er nur daran erinnert, was längst Parteigeschichte ist: dass die CDU niemals eine kapitalistische Partei war. Sie fing bekanntlich bei Ahlen an und hatte mit Heiner Geißler und Norbert Blüm bis zuletzt namhafte Zeugen für Rüttgers These. Und auch die zweite Wahrheit des stellvertretenden Parteichefs war so umwerfend nicht: Sollte die CDU eine kapitalistische Seele entwickeln, wird sie nicht mehr gebraucht, dafür gibt es schließlich die Liberalen. Denn das war ja gerade das Neue in der Parteiengeschichte Deutschlands, dass sich unter dem Eindruck eines in der Wirtschaftskrise gescheiterten Kapitalismus und des aus diesem Scheitern entstandenen Nationalsozialismus Christen beider Konfessionen für eine neue Werteordnung entschieden, die jenseits von Kapitalismus und Kollektivismus angesiedelt war, eben die soziale Marktwirtschaft.

Nun mögen über 50 Jahre politischer Lebenserfahrung, neue Erkenntnisse, neue Einsichten und neue Entwicklungen bedeuten: Die Beobachtung Churchills über die Demokratie, dass sie die schlechteste aller Regierungsformen mit Ausnahme aller anderen sei, die gilt auch und immer noch für den Kapitalismus und ganz besonders für einen, der von sozialer Marktwirtschaft nichts wissen will. Oder ist es wirklich gut und richtig, dass Firmen mit Milliardengewinnen ihre Mitarbeiter vor die Tür setzen? Es mag notwendig sein, um im brutalen internationalen Wettbewerb mithalten zu können, aber gut und richtig im Sinne des sozialen Zusammenhalts ist es mitnichten. Und eben diese Erkenntnis machte die christlich-demokratische Union aus.

Die Sozialdemokratie wollte lange Zeit eine andere Ordnung, die CDU hatte aus dem Bankrott von Nationalsozialismus und Kommunismus den Schluss gezogen, dass eine andere Ordnung nicht funktioniert, dass die bestehende zwar dringend verbesserungsbedürftig, aber immer noch besser als alle anderen ist. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Deshalb verteidigt die Partei die freiheitliche Wirtschaftsordnung, ohne den Kapitalismus zugleich fest an ihr Herz zu drücken. Sie ist mit dieser Haltung eben da, wo sich auch die Wähler befinden, die die Ungerechtigkeiten kapitalistischen Wirtschaftens beklagen und dennoch in ihrer Mehrheit keine Parteien der Systemopposition wählen. Dass die CDU nach dem Leipziger Parteitag diese Wahrheiten zu vergessen haben schien und den Kapitalismus zur Ikone machte, haben ihr die Wähler mit einem der niedrigsten Ergebnisse seit Bestehen der Bundesrepublik vergolten. Es ist schon so, das Gleichgewicht zwischen Wirtschaftskompetenz und sozialer Fürsorge war das Erfolgsrezept dieser Partei, die immer Erhard und Katzer oder Blüm in ihrem Herzen trug. Einen daraus zu verstoßen ist eben nicht nur unmoralisch, sondern auch kontraproduktiv. Wie hat das der kluge Talleyrand so unnachahmlich ausgedrückt: Es ist mehr als ein Verbrechen, es ist eine Dummheit.

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