Meinung : Das Jahr 2001: Kinder, Kinder

Stephan-Andreas Casdorff

Alle Jahre wieder: Der CSU-Chef Edmund Stoiber "is scho a Hund", wie sie in Bayern sagen. In der nachrichtenarmen Zeit platziert er seinen Vorschlag, die Geburtenrate in Deutschland mit einem Familiengeld von 1000 Mark pro Monat zu steigern. Nicht, dass dies vom Grundsatz her völlig neu wäre - aber wenn es um gute Vorsätze fürs neue Jahr geht, dann passt das schon. Und mehr Geld für Kinder, für die Zukunft, wer könnte dagegen sein? Im Blick auf unser Sozialsystem ist dieser Satz Stoibers ewig richtig: Hier muss endlich etwas geschehen.

Natürlich hat auch Franz Müntefering Recht, der SPD-Generalsekretär. Rot-Grün war nicht untätig. Die Koalition hat das Kindergeld erhöht, sogar zwei Mal. Und es war die von CDU und CSU geführte Bundesregierung, die sich von den Verfassungsrichtern anhören musste, dass sie - ausgerechnet sie, die selbst ernannten Hüterin der traditionellen Werte - die Familien benachteiligt habe. Insofern ist es, streng genommen, Kritik an der Unionspolitik im Bund, wenn Stoiber jetzt im Sinne der Frauen eine bessere Gesamtförderung anmahnt, um Beruf und Kindererziehung besser in Einklang bringen zu können. Ja, das ist wahr: Hier muss endlich etwas geschehen.

Aber was? Die Politik muss sich den Generationenvertrag vornehmen: Er muss nachhaltig werden, was heißt, er muss kinderfreundlich sein. Seit 25 Jahren, schreiben Experten, reichen die Geburten in Deutschland nur aus, um etwa zwei Drittel einer Generation zu ersetzen. Unser Land gehört zu denen mit der weltweit niedrigsten Kinderzahl. Zugleich würde der Anteil der älteren Arbeitnehmer an der Erwerbsbevölkerung selbst bei einer Zuwanderung von jährlich 200 000 Menschen bis zum Jahr 2020 auf 40 Prozent steigen. Die Probleme der Rentenversicherung sind da eine logische Folge.

Der fünfte Familienbericht spricht von "Humanvermögen". Oder anders, mit den passenderen Worten eines Bielefelder Professors: In jeder Generation müssen in ausreichender Zahl Menschen herangebildet werden, die sich als engagierte Bürger, verantwortungsvolle Eltern und als produktive Arbeitskräfte in den Generationenzusammenhang einbringen. Er spricht von "Nachwuchspolitik", und sie umfasst Familien-und Bildungspolitik. Beides kann in der Tat mehr Geld vertragen.

Zu einer künftigen Familienpolitik gehört deshalb auch eine Korrektur des vorherrschenden Frauenbildes: Frau gehört in den Haushalt, zu den Kindern und nicht ins Erwerbsleben. Nun bleibt aber jede dritte Frau ab dem Jahrgang 1965 kinderlos, weil sie Beruf und Familie vielleicht gerne miteinander vereinbaren würde, aber nicht kann. Dass die Geburtenrate nicht noch mehr sinkt, hat etwas mit der Polarisierung in unserer Gesellschaft zu tun: entweder keine Kinder - oder zwei bis drei. Interessenkonflikte, Verteilungsprobleme sind da die logische Folge.

Ein Beispiel und gleich mehrere Fragen: Wird die auf Druck des Bundesverfassungsgerichts verbesserte Anrechnung von Erziehungszeiten bei der Rente den Leistungen der Frauen wirklich gerecht? Ist das Aufziehen von Kindern, eine gelebte Form der Generationensolidarität, nicht so viel wert wie Erwerbsarbeit? "Nachwuchspolitik" - wer sie wirklich will, der muss bereit sein, viel Geld dafür auszugeben. Und der muss dann auch sagen, wo er es herholen will. Hier könnte endlich etwas geschehen. Aber das Jahr ist ja noch jung.

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