Meinung : Das Leben ist kein Pokerspiel

Roger Boyes

GASTKOMMENTAR

Am Montag ist im Norden Londons nicht viel los. Deshalb lädt meine Freundin Vicki Coren montags zur Pokerrunde. Unausgesprochene Regel: Man muss ihren Bruder gewinnen lassen, und der darf noch fiese Witze über die Verlierer machen. Wenige Stunden nach meiner Ankunft aus Berlin verlor ich also Geld an die Coren-Familie. Am Dienstag hielt ich an der Universität eine Vorlesung über Europas Verteidigungspolitik. Als ich mit meinen Professoren sprach, wurde mir der Zusammenhang zwischen dem Montag und Dienstag klar: Der Lebenslauf hängt zunehmend von den Karten ab, die einem das Bildungssystem zuteilt. Talent, intelligente Planung, Anstrengung reichen selten aus, um aus Verlierern Gewinner zu machen.

Großbritannien diskutiert derzeit über die soziale Herkunft der Studenten. Der Zugang zu einer guten Uni hängt von besten Noten in allen Fächern ab. Die Prüfungsstandards sinken, immer mehr Schüler bekommen gute Noten. Wen also soll die Uni abweisen? Auf Druck der Regierung haben Universitäten begonnen, die Mittelschicht zugunsten der Schüler aus ärmeren Familien zurückzudrängen. Das hat zu einem bürgerlichen Aufstand gegen „linke Gesellschaftssteuerung“ geführt. Dabei ist sozialer Wandel zugleich ein Ziel der Ausbildung. Lehrer, Familien und Regierung sollen die Gesellschaft zum Nutzen der Jugend verändern.

Das Ausbildungssystem in Berlin macht das Gegenteil, nämlich die Schüler zu Opfern. Privatschulen werden noch immer verteufelt; eine dirigistische Bürokratie schränkt die Schulwahl ein; Lehrer werden sich selbst überlassen – angesichts enormer Probleme mit der multikulturellen Zusammensetzung der Klassen, der Armut arbeitsloser Familien, dem Drogenkonsum.

Die Pisa-Studie belegt, was Lehrer und Eltern wussten: Ein hoher Ausländeranteil an den Schulen senkt das Leistungsniveau. Was folgt daraus? Alle Ausländer rausschmeißen? Natürlich nicht. Schulen mit hohem Ausländeranteil meiden – und die Ghettoisierung fördern? Nein. Ausländer ist nicht gleich Ausländer. Eine britische Studie zeigt, dass Kinder aus der Karibik unterdurchschnittlich abschneiden, Asiaten überdurchschnittlich.

Ähnlich in Berlin: Vietnamesische Schüler sind gut, kurdische schlecht. Unterschiedliche Niveaus verlangen unterschiedlichen Unterricht mit verschiedenem Lerntempo. Und Geldmangel bedeutet nicht automatisch das Ende von Visionen: Eine der besten Ideen, die Berlin hatte, waren die Europaschulen, in denen deutschsprachige Schüler neben französisch-, englisch- oder russischsprachigen sitzen. Das Konzept funktioniert – wir sollten es in England kopieren –, dennoch fällt ihm eine blinde Bürokratie immer wieder in den Rücken. Ohne guten Grund wird die gymnasiale Oberstufe gezwungen, Kunst und Musik aus dem Angebot zu nehmen, eine Sprache und eine Naturwissenschaft.

Berlin sollte endlich sehr viel genauer über seine Prioritäten nachdenken: Ausbildung sollte nicht wie ein Pokerspiel funktionieren, bei dem immer einer gewinnt und alle anderen ihren Einsatz verlieren.

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Foto: privat

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