Meinung : Das letzte Abenteuer

Von Roger Boyes, The Times

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Es ist das chinesische Jahr des Affen. Kein Wunder, dass wir alle in dieser Stadt ein wenig gereizt sind. Nervöses Geplapper und Zähneklappern, als ob ganz Berlin ein Affenkäfig geworden wäre. Ich habe eine Liste begonnen mit Dingen, die meine Nerven strapazieren: Junge Frauen, die sich auf dem Weg ins Büro an EvianFlaschen festklammern, aus Angst vielleicht, in der Wüste des Potsdamer Platzes unversehens dem Austrocknungstod zu erliegen; orangene Müllwagen mit pseudo-komischen Erfolgsslogans: Wir sind die Lausbuben; Bitten in Hotelzimmern, dass man „aus Rücksicht auf die Umwelt“ dreckige Handtücher einen weiteren Tag benutzt. Kein Wort, natürlich, darüber, dass man Waschkosten reduzieren und Profite erhöhen will. Die Eröffnung des „Beach Club“ neben Hitlers Bunker war ein weiterer Grund für Verdrießlichkeit. Ruhig bleiben fällt schwer, vielleicht sollte die Sonne mal anfangen zu scheinen. Vielleicht ist es Zeit für einen Urlaub.

Dann der Anruf von Julia, einem jungen, sommersprossigen Mädchen, das früher für die „Times“ arbeitete. Sie ist inzwischen freie Mitarbeiterin, schreibt zu Hause und hat eine dreijährige Tochter. Ihr Mann sieht aus wie ein Gorilla, arbeitet aber für eine Bank. Sie sind glücklich und waren zuversichtlich genug, Julias Vater aufzunehmen, als er anfing, sich merkwürdig zu benehmen. Der Vater, der 1937 von Berlin nach London gegangen war, geht in der Küche verloren. Manchmal steht er bewegungslos, weil er vergessen hat, wo links und rechts ist. „Genau wie Tony Blair“, sagt Julia, die immer noch Witze macht. Anfang dieses Jahres nahm sie Tochter und Vater für ein Wochenende nach Berlin – um die verblassende Erinnerung ihres Vaters aufzufrischen, der die Stadt mit 16 verlassen hatte.

Es war harte Arbeit, wie mit kleinen Kindern. Wir saßen bei „Good friends“, dem Chinesen in der Kantstraße. Julia bat erst ihren Vater, keinen Tee zu trinken, dann ihre Tochter; beide ignorierten sie. Während des Essens – an den Gang des Menüs erinnern sich die Kellner mühelos – wurde deutlich: Lernen und Vergessen sind sehr ähnlich. Die Tochter musste lernen, dass heißes Essen den Mund verbrennt. Der Vater musste sich erinnern, was es heißt, sich die Lippen zu verbrennen. Das Muster war das gleiche. Schließlich blickte der Großvater zur Enkelin und sagte „heiß!“, als ob er eine neue Erfahrung machen würde. Sie lächelte zurück und antwortete „heiß“.

Julias Vater hat von der Stadt nicht viel mitbekommen, aber seine Beziehung zur Enkelin verbessert: sie kämpften nicht länger um Julias Aufmerksamkeit, sondern waren ein Team, verbunden durch gemeinsames Lernen und Erinnern. In dieser Geschichte liegt sicher eine Parabel für Berlin, aber es ist das Jahr des Affen, Zeit zum Nachdenken gibt es nicht. Vergangene Woche rief Julia an. Ihr Vater war an einer Lungenentzündung gestorben. Die Reise nach Berlin, sagte sie, war sein letztes großes Abenteuer.

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