Meinung : Das macht einen ja krank

„Böse Überraschung vor Ferienbeginn“ – Senator Zöllner fordert Geld zurück vom 5. Juli

Die Schulleiter in Berlin sind zu Recht empört über die völlig unerwartete Wegnahme von Budgetmitteln, deren freie Verwendungsmöglichkeit zuvor nie infrage gestellt worden war. Was fast noch schwerer wiegt als der finanzielle Verlust, ist der Vertrauensverlust in die Berechenbarkeit und Verlässlichkeit von Vereinbarungen mit der Senatsbildungsverwaltung. Die Einführung der sogenannten „Personalkostenbudgetierung“, das heißt der Zuweisung von zusätzlichen drei Prozent Personalmittel zur Abdeckung von auftretendem Vertretungsbedarf, war immer als erster Schritt in die Eigenverantwortlichkeit der Schulen gefeiert worden. Nun scheitert schon dieser erste winzige Schritt, denn den Schulen wird deutlich gezeigt, was es mit der Idee der „Eigenverantwortlichkeit“ auf sich hat. Wer sorgsam mit dem Geld umging und lieber etwas für das nächste Haushaltsjahr aufbewahrte, wird für sein naives Vertrauen in eindeutige Zusagen bestraft. Wer wird unter diesen Voraussetzungen sein Budget nicht lieber im kommenden Jahr gleich komplett verbrauchen und damit dem berüchtigten „Dezemberfieber“ der Berliner Verwaltungen erliegen? Sieht so in Zukunft „Eigenverantwortlichkeit“ aus? In Zukunft sollen die im Ganztagsbetrieb arbeitenden neuen „Integrierten Sekundarschulen“ mit freien Trägern Kooperationsvereinbarungen schließen – auch hierfür haben sie Etatmittel, sofern sie nicht mit fest angestellten Erziehern arbeiten. Man darf gespannt sein, wie lange diese Freiheit währt. Ich arbeite dann doch lieber mit den fest angestellten Mitarbeitern weiter. Die sind nicht so flüchtig wie das liebe Geld.Klaus Brunswicker

Sophie-Scholl-Oberschule

Das Experimentierfeld des Rot-Roten Senats Bildung hat jeden Vertrauensvorschuss aufgebraucht. Fast unbemerkt ziehen qualifizierte junge Lehrer von Berlin nach Brandenburg oder Hamburg, um dort Gleichstellung mit ihren verbeamteten Kollegen zu erreichen. Mangelnde Ausstattung von qualifizierten Lehrern an den Schulen und gleichzeitig Streichung der Vorschulen, Einführung von Sekundarschulen, Jahrgangsübergreifendes Lernen und Problemsteigerung in Schulen mit Migrationshintergrund lassen ein nur kostenorientiertes Management nicht zu. Referendare und Quereinsteiger aus anderen Berufen ohne entsprechende abgeschlossene Ausbildung müssen Vertretungsunterricht leisten. Könnte der Bildungssenator Insolvenz anmelden, wäre seine Maßnahme, zugesagte Gelder von den Schulen abzuziehen, der letzte Schritt vor dem Konkursgericht. In Berlin wird einer jungen Generation durch die Unfähigkeit der Politik die Zukunft systematisch verbaut. So werden künftige Hartz-IV-Empfänger vorprogrammiert. Unseren Regierungschef Wowereit kümmert das alles nicht, wichtige Problem stehen an – wie z.B. der Empfang der Fußballnationalmannschaft auf der Fanmeile. Das Ganze wird wohl ein Eigentor.

Günter Krug, Berlin-Wittenau

Ein in der Berliner Schulpolitik unglaublicher Skandal ist perfekt. Den Schulen bereits zugewiesene und dringend benötigte Gelder in zweistelliger Millionenhöhe für Vertretungslehrer und Honorarkräfte wurden den Schulen jetzt von Schulsenator Zöllner kurzerhand wieder entzogen! Viele Schulen können somit bereits eingegangene vertragliche Verpflichtungen nicht mehr einhalten und sind faktisch handlungsunfähig. Erheblicher Unterrichtsausfall im neuen Schuljahr wird die zwangsläufige Folge sein. Die Schulen werden, um das Maß voll zu machen, auch noch fälschlicherweise beschuldigt, die zugewiesenen Gelder vorzeitig ausgegeben zu haben. Wenn Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit der für die Schulen Verantwortlichen derart skrupellos beschädigt werden, kann man sich künftig von jeglichen Qualitätsansprüchen in der Berliner Schule verabschieden!

Harald Kuhn, Vorsitzender des Interessenverbandes Berliner Schulleitungen,

Berlin-Spandau

Die vom Tagesspiegel aufgeworfene „Frage aller Fragen“, die nach der Personalausstattung der Schulen zum neuen Schuljahr, ist schon längst in der für die Politiker Zöllner und Wowereit typischen Weise beantwortet: Die Zahlen stimmen zu 100 Prozent – da frage niemand nach den Realitäten an der Basis, den einzelnen Schulen. Wenn dort Fehlanzeige vorliegt, mangelte es an Optimierung und professionellem Umgang mit Zahlen und Personal. Die Berliner Schulpolitik sorgt systematisch für eine strukturelle Unterversorgung mit Lehrern. Zöllners 100-Prozent-Formel zur Lehrerausstattung nahm den Schulen die verlässliche Krankenreserve. Jetzt stellt sich heraus, dass die zentralen Ersatzmittel nicht ausreichen, weil sie sogar zur Annäherung an die 100-Prozent-Norm gebraucht werden. Schulen, die langfristig die ihnen zugesagten Quoten einplanten, werden ihrer Reserven beraubt. Mehr noch: Zöllners Vorgehen ist Sparpolitik als Verschleißpolitik, sie setzt landesweit die Schüler- und Lehrermenge in eine politisch opportune Relation und behauptet, dass auch ohne Ansehen fachlicher und pädagogischer Eignung und konkreter Erfordernisse eine 100-prozentige Ausstattung eine verantwortbare, auskömmliche Versorgung sichere. Eine solche Politik ignoriert, was Schulen, nein, Kinder brauchen: Personen, die nicht ständig wechseln, ersetzt oder krank werden; die als Erzieher und Lehrer menschlich und fachlich geeignet sind. Reformpolitik ist nicht über Zahlen zu steuern und schon gar nicht über Verschleiß zu verwirklichen. Der aber ist inzwischen das tägliche Brot in den Schulen geworden: Die 100-Prozent-Formel des Senators ist der Kern des Verschleißproblems. Jede längere Erkrankung eines Lehrers zwingt die Schulleitung zu zeitraubender Suche nach geeignetem Ersatz. Für kurzfristig entstandene Lücken fehlt den Schulen jede Lehrerreserve. Die Frauenvertretung im Land Berlin hat jüngst mit konkreten Zahlen nachgewiesen, wie sehr das vom Senator gepriesene Modell der Personalkostenbudgetierung (PKB) den Mangel nicht behebt und im Endeffekt vor allem die Frauen ausbeutet. Gefördert wird dagegen die personelle Ausstattung diverser Wasserkopf- und Propagandafunktionen: Schulinspektion, Institut für Schulqualität, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zur Herstellung optimistisch-bunter Broschüren zur Schulreform.

Martin Reimann, Berlin-Lichterfelde

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