Das neue Jahr : Wir müssen nur wollen

Wichtige Entscheidungen stehen an. 2009 wird national wie international ein bedeutendes Jahr werden. Die Finanzkrise und die Bundestagswahl werden die politische Agenda bestimmen. Es braucht mehr internationale Zusammenarbeit, um die Probleme in der Welt und in Deutschland zu besiegen.

Stephan-Andreas Casdorff
Stephan-Andreas Casdorff
Stephan-Andreas Casdorff, Chefredakteur

Wir denken, es wird ein nationales Jahr, ein großes, mit Ereignissen, die zur Selbstbespiegelung Anlass bieten. Wahlen in Bundesländern, Wahlen im Bund, dazu 20 Jahre Mauerfall, wenn das keine Herausforderungen fürs deutsche Gemüt sind, oder wie man heute sagt: unsere Psyche. Wer sind wir? Wer wollen wir sein? Wohin wollen wir? Fragen geradezu Kant’schen Zuschnitts, wie selbstverständlich zur Verinnerlichung leitend.

Denkste. Da lauert der Irrtum. Das Jahr 2009 wird eines, das gerade über die national wirkenden Ereignisse das internationale Geschehen vor Augen führt. 1989, der Beginn einer bewegenden Geschichte, hat so viel Wandel nach sich gezogen, dass man meinen konnte, was soll noch kommen. Es kamen Umwälzungen über den Zusammenbruch des Ostblocks hinaus. Und wer hat nicht alles zu dessen Zerfall beigetragen: Brandt mit seiner subversiven Kraft zur kontrollierten Kooperation, Alexander Dubcek in Prag, ihm spät folgend Vaclav Havel, der Dichterfürst, Lech Walesa mit seinen Frauen und Männern der Solidarnosc, die auf ihrer Danziger Werft begannen, die Segel der Demokratie zu blähen, und Michail Gorbatschow. Der Mann, dessen neue Ideen das Sowjetreich in Demokratie aufgehen ließen, weitgehend, weil die „Entwicklung unumkehrbar“ war. Das Wort verdanken wir übrigens stolzerweise einem hellsichtigen, übernational denkenden Deutschen: Hans-Dietrich Genscher.

Ein Jahr kommt auf uns zu, das es – wie banal es auch klingen mag – so noch nicht gab. Weil es so ist, wie die Klugen sagen, dass nämlich Geschichte sich nicht wiederholt. Aber eben auch, weil in diesem Jahr Geschichte gemacht worden ist. Nach all den Wirrungen und dem islamistischen Terror ist auch dem kleinmütigen Ideologismus zum Trotz ein Schwarzer mit dem zweiten Vornamen Hussein und dem Nachnamen Obama, der doch manchen zur bösen Analogie Osama verleitete, zum nächsten Präsidenten der USA gewählt worden. Barack Obama, der bereits so handelt, als sei er Präsident, und Ideen und große Lösungen ins Werk setzt, wo andere kleine oder keine bieten, obwohl die Welt sie braucht. Obama kann so zum Gorbatschow des Westens werden.

Die Zusammenarbeit wird, gerade in unserem bedeutsamen nationalen Jahr, internationaler werden, als es viele heute denken. Sie wird es werden müssen, weil Obama darauf schon in Berlin gedrungen hat, indem er erklärte, dass keine Macht der Welt in der Lage sei, die Probleme der Welt allein zu lösen. Darin liegt Anspruch und Verpflichtung, gerade weil eines über all die Jahre doch Bestand hatte: die Konflikte. Der Nahe Osten ist Pulverfass geblieben, der Mittlere Osten ist es geworden, und der Blick gen Asien und in viele kleine Republiken hat gelehrt, dass von dort auch Terror kommen kann. Da wird der neue amerikanische Präsident mit Fug und mit Macht Hilfe erwarten, und er wird damit die größer und schwieriger gewordene europäische Familie in nie gekannter Weise zusammenzwingen. Oder sie wird auseinanderstreben. Ja, Europa muss wählen im neuen Jahr, mehr als ein neues Parlament. Die Themen sind bekannt, die Lösungen erkannt, es geht darum, den Wandel im Handeln zu vollziehen. Auch wir könnten es; könnten es schaffen, bei Sicherheit, Integration und Klimaschutz Partner zu sein, die Orientierung bieten. Und wir könnten Obama das Geschäft erleichtern, so wie er mit seiner Hoffnungsbotschaft deutscher, europäischer Politik aufhilft. Die erste Chance im Januar, die energische gemeinsame Abwehr der Wirtschaftskrise, darf daher nicht vertan werden. Das Wollen bestimmt das Tun.

Die Welt, wie sie heute ist: Es wird geschossen und gestorben, in Kriegen und bei den von Menschen verursachten Klimakatastrophen. Es wird gehungert und gebangt, um das tägliche Leben und das tägliche Brot. Und dennoch gibt es die Chance, wieder eine, zum Aufbruch aus Kleinmut und Kleinstaaterei. Große Geister müssen kleine Geister mitnehmen auf eine Reise zur Erkenntnis, dass wir es sind, an denen es liegt. Wir sind das Volk. In Deutschland. In der Welt.

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