Meinung : Das Rätsel einer Empörung

Von Gerd Appenzeller

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Die Karikatur, um die es geht, erschien am Freitag, dem 10. Februar, im Tagesspiegel. Der Andruck der Zeitung war bereits, wie gewohnt, am Vorabend in der Berliner Innenstadt zu kaufen. Die Zeichnung wendet sich gegen den Einsatz der Bundeswehr in deutschen Stadien während der Fußball-Weltmeisterschaft. Sie zeigt – wir haben sie auf dieser Seite noch einmal abgedruckt – vier iranische Fußballspieler, ausstaffiert als Waffenträger oder auch Selbstmordattentäter auf der einen, und vier Bundeswehrsoldaten, den Karabiner auf dem Rücken, auf der anderen Seite eines Stadions. Der Text darüber lautet: „Warum bei der WM unbedingt … die Bundeswehr zum Einsatz kommen muss!!“

Das Absurde der Situation liegt auf der Hand. Da niemand auf die Idee kommen kann, die iranische Mannschaft würde bewaffnet antreten, ist auch die Schlussfolgerung – Bundeswehr aufs Spielfeld – dummes Zeug. Der Zeichner macht das deutlich. Die Gesichter der Iraner sind, genau wie die der Deutschen, die Gesichter friedlicher Bürger, von Menschen von nebenan.

Den ganzen Freitag und Sonnabend über hat diese Karikatur offenbar niemanden aufgeregt, aber am späten Sonnabendnachmittag ab 16 Uhr 09 gingen beim Tagesspiegel plötzlich viele, insgesamt mehr als 60, Mails zu diesem Thema ein. Die meisten davon Englisch, alle ablehnend, manche empört, andere beleidigend, die eine oder andere enttäuscht – das habe man dem Tagesspiegel nicht zugetraut. Was? Eine Karikatur, die das iranische Volk beleidigt. Woher die E-Mails kommen, ist nur in wenigen Fällen erkennbar. Einige Absender sind in den USA, Schweden und Südafrika auszumachen. Ganz eindeutig haben die meisten Schreiber entweder keine Ahnung von dem reinen innenpolitischen Hintergrund der Karikatur, oder sie haben die Zeichnung möglicherweise selbst auch gar nicht oder nicht komplett gesehen.

Da der Account, auf dem die Mails eingehen, laufend abgefragt wird, fallen die zahlreichen Eingänge ziemlich schnell auf. Bei einer der Mails, die den Absender „persianstar“ trägt, vermutet das Dienst tuende Mitglied der Chefredaktion einen Chat, in dem sich Fußballfreunde aus Iran austauschen. Deshalb antwortet er sofort, erklärt den Zusammenhang, sagt, warum es sich um ein Missverständnis handelt. Am Sonntag erhalten dann alle anderen Mail-Absender eine ähnliche Antwort in englisch oder deutsch, und auch die Deutsche Presse-Agentur wird informiert, weil sie inzwischen über empörte iranische Reaktionen auf die Karikatur berichtet. Die Mitteilung der Chefredaktion an dpa hat folgenden Wortlaut:

„Wir bedauern die iranischen Reaktionen auf diese Karikatur und können sie uns nur mit mangelnder Vertrautheit mit der innenpolitischen Debatte in Deutschland erklären. Der Zeichner, Klaus Stuttmann, hatte die Diskussion über einen Einsatz der Bundeswehr in den Stadien während der Fußball-WM thematisiert – den er ablehnt. Um ironisch-überspitzt die Unnötigkeit eines solchen Einsatzes zu verdeutlichen, sagt Stuttmann mit seinen zeichnerischen Mitteln: Die Bundeswehr müsse eingesetzt werden, weil die iranischen Fußballer bewaffnet oder als Selbstmordbomber antreten würden. Schon ein einziger Blick auf die Karikatur zeigt die ganze Absurdität. Selbstverständlich wollten weder Herr Stuttmann noch der Tagesspiegel die Integrität der iranischen Fußballer in Frage stellen. Schon aus der Tradition dieser, von jeher der Völkerverständigung verpflichteten Zeitung, wäre eine solche Unterstellung völlig undenkbar.“

Die Hoffnung, dass die Mail an „persianstar“ in einem Chat landen würde, erwies sich übrigens als richtig. Von dort kamen beruhigende Signale. Dafür sind wir dankbar. Missverständnisse sind immer bedauerlich. Wer daraus aber eine Kampagne gegen ein Land, eine Zeitung, oder gar wie hier gegen einen einzelnen Menschen macht, handelt unverantwortlich.

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